1. ausgelacht

ausgelacht –
ihr blick
in den spiegel

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HAIKU BÜHNE

Haiku-Bühne ist die öffentliche Gemeinschaftsseite der Facebook-Gruppe haiku-like.

https://www.facebook.com/haikubuehne/
Hier suchen die Administratoren Ralf Bröker und Sonja Raab jeden Tag ein bereits im Internet veröffentlichtes Haiku aus, um es vor den Vorhang zu holen.   Nicht nur aktuelle Werke. Es wird auch in den Archiven gegraben und manches bereits in Vergessenheit geratene wieder nach vorne geholt.

Aktuell sind es 31 Haijin , die sich dazu bereit erklärten, dass ihre Werke hier veröffentlicht werden dürfen. Bei Interesse kann man sich gerne in die Autorenliste auf haiku-like eintragen lassen und mitmachen. Kontakt: pottwal(at)gmx.at oder https://www.facebook.com/groups/haikulike/

Das Apronym im Titel – unfertige Gedanken zum Geist des Haiku

Haikuschreiben – so höre ich es immer wieder und empfinde es auch selbst – ist nicht nur einfach irgendein literarisches Hobby, sondern eine besondere Geistes- und Lebenshaltung, die das Leben verändert und bereichert.
Deshalb lohnt es sich, länger darüber nachzudenken.
Gibt es so etwas wie einen „Geist des Haiku“ – oder moderner formuliert: eine bestimmte Spiritualität und Ethik, die mit dem Haiku verbunden ist?
Diese Frage ist nicht neu und sehr facettenreich. Und natürlich lauern hier auch Gefahren. Ich sehe die Gefahr der Ideologisierung und Instrumentalisierung des Haiku auf der einen und die der Ignoranz und Verflachung auf der anderen Seite. Das ist Zündstoff für Diskussionen. Sollte das Thema deshalb besser pragmatisch ausgeklammert werden, oder besteht gerade deshalb an dieser Stelle ein Gesprächsbedarf?

Ich möchte hier nur ein paar skizzenartige, unfertige Gedanken dazu einbringen, die ich mit dem Apronym H-A-I-K-U im Titelbild der Haikulupe verbinde:

Hörbereit zu sein, ist m.E. gleichsam das erste Gebot bei der Beschäftigung mit dem Haiku. Es geht um Worte, durch die sich uns die Welt erschließt und die Begegnung mit dem Autor möglich wird. Im Hören und im Wahrnehmen können wir Neues empfangen, wenn wir das eigene Wollen und Wissen, das sich so schnell in den Vordergrund des aktiven Lebens drängt, für einige Zeit stillzustellen und zurückzuhalten vermögen.
Anonym zu bleiben ist eine wesentliche Grundlage für die Haikus und ihre Behandlung in der Haikulupe. Nicht die Person des Autors, sondern das Haiku als solches, das nach vielfach wiederholten Beteuerungen in der Haikuwelt, dem Leser gehört und erst in ihm zur Vollendung kommt, steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Innovativ sollen Haikus sein und die altvertraute Erfahrungswelt auf neue Weise sehen lehren. Das setzt den Mut voraus, sich ganz der Begegnung, in der die Welt zu uns heute zu sprechen beginnt, zu überlassen und sich damit auch dem Unverständnis derer auszusetzen, die sie nur durch die alten Brillen der Gewohnheit sehen wollen.
Kritisch ist dabei unter die Lupe zu nehmen, was neu zur Sprache gebracht wird. Ist es wirklich stimmig und horizonterweiternd, oder ist es nur ein modisch inszeniertes Funkeln, das sich an den Mustern gefälliger Vorbilder orientiert?
Umgänglich sind die echten Haijin – ein Kreis von Freunden, die miteinander unterwegs sind und erst im aufmerksamen wechselseitigen Zuhören jenen großen Resonanzraum bilden können, in dem die Worte ihre volle Kraft entfalten.

Es sollte deutlich sein, dass diese Merkmale sich gegenseitig stützen und Teil einer Geisteshaltung sind, nach der im Sinne des Haiku immer wieder neu zu fragen ist.

 

 

 

 

Doppeldeutigkeit

Ein Ausdrucksmittel ist das Spiel mit mehreren Bedeutungsebenen. Unsere Sprache bietet viele Möglichkeiten, neben der direkten Aussage im Vordergrund noch eine hintergründige Bedeutung anklingen zu lassen, die mehr oder weniger verdeckt oder offen auf etwas anderes hinweist.

Da es beim Haiku wesentlich darauf ankommt, dass der Leser in den Prozess einbezogen wird, bietet das Mittel der Doppeldeutigkeit eine gute Gelegenheit, ihm etwas zu verstehen zu geben.

Es ist eine Frage des Geschmacks, wie das gestaltet wird – mit Witz und Raffinesse oder mit der Faust auf’s Auge. Die Kunst besteht darin, weder zu plump und direkt zu sein, noch zu kryptisch zu bleiben.
Dabei spielt auch der Adressatenkreis eine wichtige Rolle:
Je vertrauter die Kommunikationspartner mit dem Thema und miteinander sind, desto subtiler und raffinierter kann auch das Spiel mit den Bedeutungen sein.
Wer dagegen die breite Masse gewinnen will, muss anderen Maßstäben folgen. Dann stellt sich die Frage, wie vulgär (lat. vulgo = Masse) es werden soll.

Juxtaposition

Die Juxtaposition (lat. für Nebeneinanderstellung) ist ein wichtiges Strukturmerkmal vieler Haiku. Dabei werden zwei an sich getrennte Erscheinungen in einen Zusammenhang gebracht, der sich oft nicht sofort erschließt und dessen Entdeckung den besonderen Reiz des Haikus ausmacht.

Ein Beispiel von Yamaguchi Seishi:

summer grass:
the wheels of a locomotive
come to a stop

Ist das nur ein besonders raffiniertes literarisches Mittel?
Oder kommt darin zugleich etwas vom tieferen Wesen des Haiku und seiner Weltsicht zum Ausdruck?
Etwa die Erfahrung und Einsicht, dass wir es nicht mit isolierten Objekten zu tun haben, sondern alles mit allem in einem dynamischen Wechselspiel verbunden ist?
Und spiegelt sich darin vielleicht sogar die kommunikative Grundstruktur des Haiku wider, das als bewegtes Wort vom Autor zu seinen Hörern läuft, um erst in ihnen als ein Ganzes zu seiner Vollendung zu kommen?