1. ausgelacht

ausgelacht –
ihr blick
in den spiegel

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10 Gedanken zu “1. ausgelacht

  1. Bis zum 26.02.2016 wurden drei Haikus für das Haiku der Woche eingereicht.
    Davon habe ich eins ausgewählt. Die Auswahl schließt keinerlei Wertung ein und bedeutet kein Ranking gegenüber den anderen Beiträgen. Diese bleiben auf der Liste für die weiteren Ausgaben an den kommenden Freitagen. Es können aber auch bis jeweils Donnerstag 24 Uhr noch andere Vorschläge eingereicht werden.

    Beim Haiku der Woche geht ausschließlich um die Betrachtung, das Verstehen und das Gespräch über die dankenswerterweise von den Autoren anonym zur Verfügung gestellten Texte. Es darf unbefangen diskutiert werden. Dabei bitte ich, besonders auf die eigene Hörbereitschaft zu achten, Kritik mit Argumenten zu unterlegen und auf einen umgänglichen Ton zu achten. Auf diesem Boden gedeihen Haikus.

    Für die Teilnahme am Gespräch ist mit dem ersten Kommentar eine Anmeldung erforderlich.
    Ich werde die Kommentare so bald wie möglich freischalten. Das sollte vom System her nur beim ersten Mal erforderlich sein.

    Viel Freude bei den Gesprächen!

  2. Auch als bekennender Vertreter längerer Haiku-Formen muss ich sagen: Gefällt mir, hat was! 🙂 Wie wär´s mit einem Kompromiss?

    ausgelacht –
    ihr blick in den spiegel
    gnadenlos

  3. Der Text zielt mit wenigen, einfachen Wörtern präzise auf einen zentralen Aspekt menschlichen Daseins ab und bleibt dabei gleichzeitig einigermaßen offen. Wenn ich – als Anfänger – es richtig verstanden habe, dürfte er dadurch wesentliche Haiku-Eigenschaften aufweisen.
    Wenn ich jetzt davon ausgehe, dass ein Text laut aktueller Mainstream-Auffassung auch dann ein Haiku sein kann, wenn er keine Jahreszeitenverweise, keine 5-7-5-Silbenanzahl und auch keinen direkten Naturbezug besitzt (den Blick eines Menschen jetzt mal nicht als Naturschauspiel gedeutet): Inwiefern ist „ausgelacht“ dann ein Grenzgänger und nicht einfach „nur“ ein wirklich gut gelungenes, weil Nachhall erzeugendes Haiku? Bitte um Aufklärung bzw. ggf. um Korrektur.

  4. „Inwiefern ist “ausgelacht” dann ein Grenzgänger und nicht einfach “nur” ein wirklich gut gelungenes, weil Nachhall erzeugendes Haiku?“ (Sebastian)

    Zu dieser Frage möchte ich anmerken, dass kein Text, der hier unter die Haikulupe genommen wird,
    vorher schon irgendwie eingestuft oder bewertet sein soll.
    Im Gegenteil: Hier geht es darum, den Texten so unvoreingenommen wie möglich zu begegnen, um in der Begegnung mit ihnen selbst, zu hören und zu erfahren, wie der Text zu mir spricht und was er zu sagen hat.

    Wenn ich in der Einladung zu diesem Projekt von „Grenzgängern“ oder von der „Grauzone“ gesprochen habe, dann war damit etwas anderes gemeint. Mir ging es darum, dass wir hier nicht nur die Texte zusammentragen, die wir unter unserem guten Autroennamen veröffentlichen wollen, sondern auch die, bei denen wir unsicher sind und Zweifel haben. Die Wahrung der Anonymität soll es leichter machen, eigene Texte unbefangener zur Diskussion zu stellen, aber auch andere Texte offener zu besprechen.

    Welcher Art und Qualität diese Texte dann wirklich sind, k a n n sich erst in dem Gespräch zeigen. Es können auch „Spitzenhaikus“ darunter sein und solche, die ganz neue Wege öffnen, was immer mit einer gewissen Verunsicherung verbunden ist.

    Auf keinen Fall soll aber aus diesem Ansatz der Schluss gezogen werden, dass die hier veröffentlichten Haikus als solche in die „Grauzone“ des Zwielichtigen gehören.

  5. Offenheit ist ein herausragendes Merkmal dieses Haikus.
    Es beginnt mit einem kräftigen Gongschlag, der sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, aber im Gegensatz zum plumpen Knall, eine ganze Reihe von Tönen in sich vereint. In Abhängigkeit von den Hör-Gängen kann ausgelacht – sehr unterschiedliche Resonanzen auslösen und verschiedene Zugänge und Verstehenswege eröffnen.

    Wer hat da gelacht? Und was hat dieses Lachen mit ihr(em) blick in den spiegel zu tun? Diese Frage stellt sich und zieht den Leser sofort in den Bann.

    Fühlt sie sich womöglich von jemand anderem ausgelacht? Ist es ein verunsicherter Blick, der prüfen soll, ob dafür ein Grund besteht?
    Oder lacht der Spiegel sie aus? Ist es ein ernüchternder Blick, der ein geschöntes Selbstbild schonungslos entzaubert?
    Oder lacht sie den Spiegel aus? Ist es ein trotziger Blick, der dem Spiegel die Stirn bietet?
    Oder ist es nun aus und vorbei mit dem Lachen, weil der Spiegel das letzte Wort behält?

    Eine eindeutige Antwort wird nicht gegeben. Im Gegenteil: Man wird hier mit den verschiedenen Ansichten und Möglichkeiten konfrontiert und gerät so in einen Raum der Selbsterfahrung. Damit wird das Haiku selbst zu einem Spiegel.

    Bemerkenswert ist auch die Klanggestalt des Haikus.
    ausgelacht – schon die kurze erste Zeile erzeugt eine Spannung: An das anfängliche kräftige a schließt sich sofort ein düsteres u an und verbindet sich mit ihm zu einem Zwielaut, in dem schon die ganze Breite der Möglichkeiten anklingt, die im folgenden auch inhaltlich hervortreten werden. Über ein kurzes e schwingt der Ton zum a zurück und erhält durch den Gedankenstrich viel Raum zum Nachklingen. Dann wechselt das Haiku zu kurzen, spitzen i– und e-Lauten, in denen -i- -i- -i- -e- etwas innerlich Gehetztes anklingt. Erst zum Schluss kommt wieder eine lange Silbe: Das ie im letzten Wort spiegel korrespondiert mit dem au vom Anfang.

    ausgelacht und spiegel sind die beiden äußeren Eckpfeiler, die zu dominieren scheinen. Sind es die entscheidenden Instanzen der Wahrheit, zwischen denen das Subjekt eingezwängt ist und von denen es erdrückt zu werden droht? Oder ist ihr blick, wenn darin die Freiheit des Subjekts bewahrt geblieben ist, die tätige Mitte und der Gestaltgeber des Ganzen?

    So gelesen wirft das Haiku Fragen auf und öffnet damit Räume, die sich im Alltagstrott persönlicher und gesellschaftlicher Routinen immer wieder zu verschließen drohen. Die kommunikative Offenheit ist ein herausragendes Merkmal dieses Haikus.

  6. Im ersten Moment kommt „ausgelacht“ für mich etwas hart daher, ein wenig bitter in der Aussage.
    Hat sie nichts mehr zu lachen oder lacht sie sich aus? Es ist sehr offen, weckt aber bei mir den Wunsch nach etwas Tröstlichem. Aber vielleicht lacht sie sich nur aus, weil die Schminke so verlaufen ist…

    1. Für mich drückt das Partizip eine Vorzeitigkeit aus und deshalb erscheint mir der Blick in den Spiegel als Ereignis, das auf das Auslachen folgt. Wer über wen oder einfach nur zu Ende gelacht hat, bleibt aber offen.
      Trotzdem komme auch ich nicht darum herum, zuerst an eine ausgelachte Person zu denken, die in den Spiegel blickt. Die Art des Blickes muss – oder darf – der Leser bestimmen. Wie würde man selbst in den Spiegel schauen? Wie wichtig sollte man sich selbst oder die Meinung anderer Leute nehmen? Inwieweit lässt man sich durch das Umfeld beeinflussen – auch was das Selbstbild betrifft? Und so weiter …

  7. In meinen Augen ein sehr kraftvolles Haiku.
    Es lässt einen sehr gut ihre Gefühle nachspüren, die wohl scheinbar wegen ihres Aussehens gemobbt wird.
    Und das ohne platt den moralischen Zeigefinger zu erheben. Es geht dabei um die Frage, ihre Frage:
    „Bin ich schön? Bin ich hässlich?“

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