3. Frühnebel

Frühnebel
nun dampft auch noch
Kuhmist

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5 Gedanken zu “3. Frühnebel

  1. In den letzten Tagen gingen zwei neue Beiträge ein. Damit befanden sich vier Haikus auf der Liste. Davon habe ich eins zur Betrachtung und für das Gespräch ausgewählt.

    Herzlichen Dank an alle, die Texte bereitgestellt, und ebenso an alle, die am gemeinsamen Austausch teilgenommen haben!

    Die Auswahl stellt keinerlei Bewertung dar, sondern erfolgt unter dem Aspekt der Vielfalt.

    Einsendungen für die nächsten Ausgaben erbitte ich immer bis Donnerstag 24 Uhr an verbiscum@gmail.com

  2. Das Bild braucht nicht lang zur Entfaltung, es ist – zumindest für den ländlich geprägten Leser – kein ungewöhnlicher Anblick. Nichtsdestoweniger handelt es sich dabei um etwas Gewaltiges. Dieses Dampfen hat mit Leben zu tun, mit Stoffwechsel, mit Transformation. Hierbei sind sowohl an gewesene Vorgänge zu denken als auch an zukünftige, da es ja Dünger sein wird, Kraftstoff für die Nahrung von morgen. Natürlich ist der Dampf auch Zeugnis der gegenwärtigen Veränderung im Haufen. Und dass er sich mit dem Kosmos geradezu zu vermischen scheint – ein Nebel, der im allgemeinen Frühnebel eines beginnenden (Frühjahrs-)Tages aufgeht – öffnet die aus dem Mist gewonnenen Eindrücke für viel größere Überlegungen.
    Oder ist es etwa der schlichte Unmut, der zu uns spricht? Unmut über einen grauen Morgen, der unaufhaltsam auf eine vielleicht viel zu kurze Nacht folgt und dessen zur Miesepetrigkeit geradezu zwingender Charakter durch die Mithilfe unangenehm stinkenden Unrates abgerundet wird?
    Ich finde erstere Lesart angenehmer, und entscheide mich deshalb dafür, das „auch noch“ einfach aus Ausdruck des Frohlockens zu begreifen, wenn auch ein Restzweifel bleibt, ob es nicht doch einen eher pessimistischen Klang zum Ausdruck bringen soll.
    So oder so: Der Mist gefällt mir!

  3. Ein wichtiges Gebot beim Haikuschreiben ist die Einfachheit. Das wird in diesem Haiku auf sinnlich fassbare Weise erfüllt.

    Sebastian hat es sehr schön beschrieben, wie sich im Frühnebel und im Kuhmist gleichzeitig etwas „Gewaltiges“ entfaltet, ein „Dampfen“, das „mit Leben … mit Stoffwechsel, mit Transformation“ zu tun hat und „sowohl an gewesene Vorgänge … als auch an zukünftige“ denken lässt. Im Haiku öffnen sich „die aus dem Mist gewonnenen Eindrücke für viel größere Überlegungen“.

    In a und c werden in ununterbietbarer Kürze zwei anschauliche und anrüchige physikalische Einheiten gegenübergestellt, die dieses Dampfen gemeinsam haben, das in der Mittelzeile beide miteinander verbindet.
    In b „passiert“ jedoch noch viel mehr: Hier meldet sich implizit, aber doch unüberhörbar das lyrische Ich zu Wort. In dem „nun…auch noch“ – schwingt da „Unmut“, wie es Sebastian als eine Möglichkeit erwägt, ohne sich festzulegen? Oder ist es eher ein feiner beobachtender Humor, der einfach feststellt, dass doch zusammen dampft, was zusammengehört?

    Es ist kein Manko, dass diese Frage offen bleibt. Im Gegenteil! Als Leser bin ich eingeladen, an der schlichten Beobachtung teilzuhaben. Ich darf mit meinen Gedanken in einem Landschaftsbild verweilen und mich in der sinnlichen Begegnung mit diesem Stück Welt in Bewegung inspirieren lassen.

    Gern gebe ich zu: Ich mag Nebel. Er durchwest den Raum auf geheimnisvolle Weise und nimmt uns zugleich die Illusion, dass wir da irgendetwas Festes vor uns haben. Wer mag, kann auch an die kosmischen Nebel denken, die uns unsere eigene Winzigkeit vor Augen führen. Mir fällt das Wort aus dem Jakobusbrief ein: Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. (Jak 4,14)
    Und dann noch der Kuhmist! Biodynamisch. Acker vom Acker.
    Hier bin ich Mensch, hier ist kein Schein…

    Gewiss, dass sind sehr persönliche Gedanken-Gänge und Nachklänge, die das Haiku da in mir in Gang gesetzt hat. Aber so geht Haiku eben. Und jetzt möchte ich mal wieder auf’s Land!

  4. … mein erster Gedanke war: Die Kacke ist am Dampfen. Soll heißen, Frühnebel und dann auch noch Ärger, der ins Haus steht … na toll.
    Kuhmist dampft (frisch) immer, hier in meiner Gegend pflegt man zu sagen: Wie, heiß? Kuhmist dampft auch und ist nicht heiß.
    Das Wort aus dem Jakobusbrief … nun, daran habe ich nicht denken müssen, aber an Methan und Treibhauseffekt etc. wobei wir davon ausgehen können, dass der sich der Frühnebel auflöst 🙂
    und das Dampfen des Mistes irgendwann auch aufhören wird …

    Mir fehlt etwas Greifbares bei all der dicken Luft …

  5. Gut, dass Ramona noch einmal eine kritische Anmerkung gemacht hat. Das trägt zur Vertiefung des Gespräches bei.
    Ist das Haiku vom Frühnebel und Kuhmist vielleicht doch etwas substanzlos? Fehlt hier „etwas Greifbares“? Ist es nicht eher unappetitlich, sich „in Kuhmist zu vertiefen“, wie auch Elias in seiner vergleichenden Bemerkung im ersten Kommentar zum 4. Haiku der Woche anfragt?

    Das führt uns zu der ebenso wichtigen wie alten Frage, ob die Haiku-Kunst nicht einen angemessenen Gegenstand erfordert, der ihrer würdig ist.

    Da die Frage grundsätzlicher Natur ist, werde ich sie in der Diskursbar weiter verfolgen.
    Wer mag, ist herzlich eingeladen, dort am Gespräch teilzunehmen.

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