4. Hier wird es brechen

Hier wird es brechen.
Was unter dem Eis ist, nein
will’s gar nicht wissen.

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6 Gedanken zu “4. Hier wird es brechen

  1. Ich finde das Haiku sehr poetisch. Das liegt wohl besonders an der Aposiopese, das Abbrechen in b mit dem „nein“, dem eine längere Pause vorausgehen und nachfolgen muss. Zeit zum Innehalten, Spannung aufbauend, Zeit zum Reflektieren, um dann mit einem Bruch der vorangegangenen Umgebungsbeschreibung durch eine persönliche Aussage einzugestehen, dass man nicht bereit ist, weiterzudenken. Mich erinnert dieser Aufbau und die Klarheit des Bildes an die Weimarer Klassik mit ihrem Ziel, die Menschen zu erziehen, aufzuklären und das finde ich sehr erfrischend, wie ein Eisbad sozusagen. Viele Haikus sind in meiner Wahrnehmung viel unkonkreter als dieses. Das kann man natürlich auch als Pluspunkt werten, nach dem Motto es gibt dann ja viel mehr zu entdecken und jeder kann noch mehr individuell nach persönlich Anschlussfähigem und Interessantem suchen. Ich persönlich fühle mich dann aber oft so, als ob ich vor einem surrealistischen Bild mit wenigen Strichen und Klecksen stehe, dem ich nun auf Biegen und Brechen eine große Tiefe abgewinnen soll. Vielleicht liegt mir diese Kunst einfach nicht so. Es gibt natürlich viele Haikus, bei denen ich das gerne mache, oftmals scheint diese Suche nach Bereicherung für mich zu angestrengt. Ob es sich um Tiefe und Flachwasser handelt ist da für mich oftmals nicht leicht zu unterscheiden, das macht mich skeptisch. Und um mich in Kuhmist zu vertiefen wie im Haiku letzte Woche habe ich auch nicht so viel Appetit. Hier ist es anders. Dieses Haiku spricht mich an, es ist für mich klar als Kunstwerk zu erkennen, bei dem es mit Sicherheit viel zu entdecken gibt, was sich zu entdecken lohnt. Beim Haiku letzte Woche bin ich mir nicht so sicher gewesen. Eine die Form betreffende Frage habe ich dennoch: So ganz überzeugend ist die Zusammenstellung von a und b für mich nicht. Es bricht ja nicht, was unter dem Eis ist (der Surrealist fragt: oder doch…?) Ist das die beste Möglichkeit?

  2. Was sollte denn Schlimmes unter einer Eisdecke lauern? Wasser? Fische? Wasserpflanzen? Handelt es sich eigentlich um einen See, einen Fluss, ein Meer oder nur um eine kleine Pfütze? Wüsste er dies, dann könnte der Leser erkennen, ob es um die – dann immerhin gegenwärtige – Angst vorm Ertrinken geht oder nicht. Oder ist das alles etwa als Metapher für irgendein bevorstehendes Unheil zu sehen, das so sicher und unverhinderbar eintreten wird wie das Schmelzen des Eises im Frühjahr und wo man dann – wie es das lyrische Ich empfiehlt – lieber wegguckt? Hm.
    Auch wenn es, wie schon mein Vorredner ausführlich beschrieben hat, ein poetisch ansprechender Text ist, kann ich persönlich aus unterschiedlichen Gründen nicht viel damit anfangen. Die Bewertung ist mir zu direkt, das beschriebene Bild zu undeutlich und: Ich würde gern ganz schnell wissen, was sich hinter dem Eis verbirgt, insbesondere dann, wenn dieses sowieso irgendwann brechen wird und wir dagegen nichts tun können.

  3. Vielleicht wird mit diesem Haiku gerade diese subtile Angst einer Sache beschrieben, die man eben nicht genau erkennen will. Ein verborgener Schmerz, eine frühe Kränkung, die zu Tage treten wird, mit Sicherheit, man spürt es, „hier wird es brechen“. Man kann diesen Schmerz nicht erkennen, aber man spürt das unvermeidliche Unheil und verdrängt. Konfrontation mit der Situation und sich selbst darinnen ist nicht möglich.
    Das Eis, der Panzer der Kälte, vielleicht der eigene Charakter, der einem Halt gibt, der einen trägt, er droht durchbrochen zu werden und dann würde der Schock, der Fall ins eisige Wasser folgen, mit unbekannten Folgen. Und wie tief kann man fallen? Wer weiß. Welche Gefahren für Leib und Leben könnten folgen? Vielleicht ist da unten ja gar nichts Schlimmes. Aber diese Angst den grundlosen Halt zu verlieren, auf den man sich so verlassen hat, das ist das Entscheidende. Vielleicht würde es ja sogar gut tun, wenn der Eispanzer bräche, wenn er wegschmölze. Man müsste nur sehen, dass man nicht ins Nasse fällt und den eigenen Charakterpanzer wirklich hinterfragen, bevor es zu spät ist, das Eis vorher verlassen. Dann würde man mit wahrhaft festem Grund durchs Leben gehen. Aber das lyrische ich kann es nicht; es ist gebannt durch seine ahnungsvolle Angst und seine Verdrängung, das bisherige zu hinterfragen. Es ist die Lähmung, einen Schritt ans Ufer zu wagen. Es könnte ja dann erst recht das Brechen drohen, bei all der Bewegung. Also bleibt man und schmilzt unabwendbar in sein Schicksal.

  4. Das Haiku liefert natürlich mit c einen subjektiven Eindruck, wenn ich das richtig verstanden habe, sollte das bei Haikus vermieden werden. Hier geht es also über Naturbeschreibungen hinaus. Allerdings macht das für mich das Haiku auch konkreter. Ich finde das Bild eben gerade dadurch recht deutlich, aber mit genügend Spielraum in unterschiedliche Richtungen zum Nachdenken. Und c ist vielleicht dann weniger subjektiv als gedacht, wenn man es als unbewusste Äußerung oder Reflexion betrachtet. Dann ist das noch eine andere Qualität als ein plump wertender Kommentar. „Der Klang des Wassers“ bei Basho hat ja auch etwas Subjektives. Eigentlich müsste es ja „platsch“ oder so ähnlich heißen. „Klang des Wassers“ beinhaltet genau so eine subjektive Wertung, was auch immer sich dahinter verbergen mag. Oder ist es doch anders?

  5. Eis konserviert. Bedeutet somit Stillstand.
    Hier wird es brechen.
    Der Satz mit dem Punkt am Ende symbolisiert für mich, dass nichts für die Ewigkeit gilt.
    Aber dann die Angst, mit dem „Nein“ in b nochmals verstärkt, vor Veränderung.
    Was ist unter dem Eis? Zieht es mich fort zu neuen Ufern, habe ich dann noch die Kontrolle?
    Die Natur mit ihren verschiedenen Jahreszeiten zeigt, dass immer wieder ein Neuanfang und eine Veränderung möglich ist. Auch wenn es manchmal schmerzlich ist.
    Mir gefällt dieses Haiku.

  6. Viele interessante Gedanken und Ideen, die über das Haiku hinausführen, sind hier schon zusammengetragen worden. 
Ich möchte es vor allem als Text betrachten.

    Es ist ein episches Haiku, das nicht einfach nur einen Augenblick lyrisch erfasst. Mit den Worten wird und will greift es in a und c in die Zukunft und in das Reich der menschlichen Absichten aus. In b wird durch den Verweis auf etwas, das unter dem Eis ist implizit auch auf die Zeit davor Bezug genommen. Es bleibt ungesagt, was es ist. Und es soll auch verborgen bleiben. Das wird mit besonderem Nachdruck durch das angehängte nein zum Ausdruck gebracht.

    Wir finden uns damit mitten in einer Geschichte wieder, deren Anfang wir nicht kennen und deren Ausgang düstere Ahnungen erweckt. Das erzählerische Ich ist darin auf geheimnisvolle Weise verwickelt und zieht seine Leser in eine nebelhafte Spannung, wie wir sie aus Kriminalromanen kennen.

    Betrachten wir dieses Ich noch etwas näher: Als erstes fällt dabei auf, dass es eigentümlich verhüllt bleibt. Nicht einmal als Pronomen erscheint es. Und doch beherrscht es alles in diesem Haiku. Sein nein / will’s gar nicht wissen bildet nicht nur den Abschluss, sondern wirft auch einen Schatten auf das Vorangehende.
    In scharfem Kontrast zu diesem Nichtwissenwollen steht in a eine Gewissheit: Hier wird es brechen. Der Punkt lässt keinen Zweifel zu: Es wird, es muss so kommen.

    Raffiniert ist dabei, dass zunächst noch gar nicht vom Eis gesprochen wird, sondern nur von einem unbestimmten es. Aus der Subjektperspektive des erzählerischen Ich scheint es sich demnach um etwas zu handeln, das in Gedanken sehr gegenwärtig ist und nicht erst eingeführt werden muss – vielleicht auch besser gar nicht allzu deutlich benannt wird. Ist es nur das Eis, fragt man sich, oder ist das Es vielleicht ein Teil des ungenannten Ichs, dessen Zerbrechen unausweichlich scheint?

    Das Haiku verbindet die verhüllende Andeutungen mit entschiedenen Aussagen und Absichten. Auf diese Weise entfaltet es eine suggestive Wirkung, die eine geradezu kriminologische Neugier weckt und zum Spekulieren einlädt. Es ist ein episches Haiku, das nach der Geschichte fragen lässt, in die das verhüllte Subjekt dieser Gedanken wohl verstrickt sein mag.

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