Gegenstand und Substanz

Was kann Gegenstand eines Haikus werden?

Es gab – und gibt hier und da immer noch – die am traditionellen japanischen Haiku orientierte Auffassung, der Gegenstand müsse eine Beobachtung aus der Natur sein, möglichst mit einem Jahreszeitenbezug.   Inzwischen haben viele Haikuschreiber diese Einschränkung und die damit verbundene Unterscheidung zwischen Haiku und Senryu durchbrochen. Gehören nicht die gesellschaftlichen Vorgänge wie auch die Tiefen und Untiefen der menschlichen Person ebenso zu der vielfältigen einen Wirklichkeit wie Bäume und Bäche und ferne Galaxien?

Es gibt aber noch eine andere Dimension der Frage, was Gegenstand eines Haikus werden kann und soll – und was nicht: die Frage nach der Angemessenheit des Gegenstands.
Ein Haiku soll ja in seinen Hörern und Lesern etwas anstoßen und einen Nachhall auslösen. Es soll also etwas bedeuten. Muss es dazu nicht auch etwas Bedeutsames zum Inhalt haben? Nicht unbedingt etwas Großartiges! Im Gegenteil: Gerade das scheinbar Kleine und Alltägliche, das gern übersehen wird, wartet darauf, dass die in ihm verborgenen Wunder und Bedeutsamkeiten entdeckt werden. Hier liegt ein bevorzugter Gegenstandsbereich des Haikus. Aber hat dieser nicht auch seine Grenzen? Lässt sich denn aus jedem Mist, auch aus Kuhmist wie im 4. Haiku der Woche, ein Haiku machen? Wo bleibt in diesem Fall dann die Substanz?

Die Substanz eines Haikus hängt wohl nicht so sehr an seinem Gegenstand wie an der Art seiner Betrachtung und dem, was es uns damit zu sehen und zu verstehen gibt.

Nehmen wir dafür ein sehr bekanntes Beispiel aus der Haikuwelt des alten Japan.
Von Bashō (1644-1694), dem wohl berühmtesten der japanischer Haikudichter, dürfte den allermeisten Haikufreunden vor allem das hochgeschätzte Froschhaiku bekannt sein.

Der alte Teich.
Ein Frosch springt hinein –
das Geräusch des Wassers

Was ist an diesem Haiku Bedeutsames?
Diese Frage gewinnt noch an Brisanz, wenn man bedenkt, dass es sich bei dem alten Teich wohl um einen Tempelteich handelte, dessen Stille etwas Tiefes und Erhabenes bedeutete, in das sich der andächtige Geist von aller Unruhe gereinigt versenken möchte. Doch dann kommt dieser Frosch in das Haiku und macht mit seinem Sprung alle  Andacht zunichte. Er versenkt die heilige Versenkung mit einem Plumps.

Ist das wirklich ein großartiges Haiku? Oder ist es nicht eher eine freche Provokation, die eine wohlgehütete altehrwürdige Tradition geradezu entheiligt?
Um wirklich zu verstehen, worin die wahre Bedeutung und Substanz von Bashōs Froschhaiku besteht, lässt sich am besten ein Text aus seiner geistigen Heimat, dem Zen-Buddhismus, heranziehen. In der Niederschrift von der Samaragdenen Felswand wird zu Beginn des ersten Beispiels die Frage gestellt:
Welches ist der höchste Sinn der Heiligen Wahrheit?
Und die Antwort lautet: Offene Weite – nichts von heilig.

Ein Kartenhaus voller Dogmen und Ideen fällt mit einem Plumps zusammen, und übrig bleibt – die offene Weite des Daseins. Gerade darin aber, im Nicht-Greifbaren, komm die eigentliche Substanz des Ungeheueren, das alles Bedeutsame umschließt, zum Ausdruck.

Komisch, was? Diese lustigen Verse oder hai-ku, wie die Japaner sagen  –

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s