5. abgeblättert

abgeblättert

das grafitti

am flakturm

Advertisements

9 Gedanken zu “5. abgeblättert

  1. In diesem Haiku geht es für mich um die Zeit. Schon das “abgeblättert” ist ein unmissverständliches Zeugnis des Vergehens, besonders als Partizip Perfekt. Flaktürme, speziell deutsche Zeugnisse des 2. Weltkrieges, wurden im 3. Reich als Festungen gebaut, meterdick und es war klar, dass sie aufgrund ihrer Robustheit nicht so leicht wieder verschwinden würden, weder im Krieg, noch danach. Heute sind sie noch immer Zeugnisse einer vergangenen Zeit. Das Grafitti steht für mich für eine jugendliche Rebellion und ich assoziiere es mit der Protest- und Friedensbewegung. So verstanden bekommt das Haiku eine resigniert realistische Farbe. Der Protest, was hat er genützt, jetzt bröckelt er von der Fassade, während das Ungetüm des Krieges noch immer steht. Der Flakturm selbst wird zwar nicht mehr genutzt, steht aber als Symbol des Krieges noch immer. Ganz gegenwärtig.

  2. Ja, die sich ändernden Zeiten kommen in diesem Haiku mit einer Fokussierung auf das Gesellschaftliche und Politische zum Ausdruck. Die auf die dunkle Vergangenheit folgende Gegenwart wird nun ihrerseits Vergangenheit, und es drängt sich die Frage auf, was die neue Gegenwart mit sich bringt.
    Im Haiku deutet sich nur negativ an, dass das Grafitti abgeblättert ist, während der Flakturm noch immer steht. Elias hat das schön herausgearbeitet.
    Überdauert also die Vergangenheit die auf sie folgende Gegenwart? Wer so denkt, findet dafür leicht Gründe und Argumente.
    Aber das Haiku zwingt uns diesen Gedanken nicht auf. Es zeigt nur hin auf den Flakturm und regt uns dazu an, über die Vergangenheit neu nachzudenken. Der bisherige Umgang damit scheint den Anforderungen der heutigen Gegenwart nicht länger standzuhalten.

    Eine Frage habe ich noch an das Haiku: Ist die Zeilenaufteilung wirklich zwingend? Gewiss verleiht das für sich stehene „abgeblättert“ in a der gefühlten Zeitenwende ein besonderes Gewicht.
    Ich kann mir aber auch gut vorstellen, in a noch einen neuen Aspekt aufzunehmen und dann fortzusetzen:

    das Grafitti am Flakturm
    abgeblättert

    1. ich stimme dir zu, lieber heinz. mir gefällt die veränderte variante sehr gut. sie ist viel leichter als die des ausgangshaikus. und ebenfalls positiver, finde ich.

  3. noch ein paar gedanken zu der zeitdimension und das vergehen von flakturm und graffiti:
    ja, das oberflächlich angebrachte, revoltische graffiti ist bereits abgeglättert. sowas geht schnell. relativ schnell, denn auch dieses hat vielleicht einige jahre dazu gebraucht, sich zu verlieren.
    doch der dicke und statisch monumentale flakturm steht immer noch da. steht da wie je – nur bunter. er kann nicht so schnell vergehen. denn er ist von einem ganzen menschlichen system gebaut worden, mit allem drum und dran. ist nicht von so einem einzelnen kleinen revoluzzer verfertigt, in einer dunklen stunde.
    gemaß der menschlichen übereinstimmung, dass ein ganzes system ihn errichtet hat, hat der flakturm auch eine weit längere lebensdauer. denn so ein menschliches system, das auf verhalten und traditionen und usancen vieler aufgebaut ist – auch wenn es bereits vergangen sein sollte – hat auf jeden fall seine feste wurzeln in früheren generationen. so fest sind diese wurzeln, dass sie lange zeit wind und wetter standhalten können.
    doch auch sie können irgendwann einmal verrotten. dann, wenn das aktuelle menschensystem dem graffiti-sprayer näher gekommen sein wird als den großvätern, die brav gedient haben, um jene mauern zu bauen.

  4. Mir gefällt die Zeilenaufteilung von Heinz auch sehr gut. Vielleicht könnte die ersten Zeile mit ‚Sommergras‘ komplettiert werden. Das Haiku würde dann lauten:

    Sommergras
    das Grafitti am Flakturm
    abgeblättert

    1. das ist eine sehr schöne komplettierung. sie bringt eine richtig postitive note hinein. gefällt mir sehr gut!

  5. … Gräser im Wind / das Grafitti am Flakturm / abgeblättert … meine Gedanken dazu, inspiriert durch „Sommergras“ … Sommergras ist mir zu Basho … oder zu viel Vierteljahreszeitschrift 😉 meine Gedanken dazu

  6. Hast Recht, die Anspielung auf Bashos ‚Sommergras‘ ist wohl doch etwas zu plump. ‚Gräser im Wind‘ gefällt mir.

  7. naja, wer basho nicht zu sehr in seinem kopf hat, ist mit dem begriff „sommergras“ zufrieden. zu dieser personengruppe zähle ich.
    „gräser im wind“ ist mir persönlich zu poetisch und empfinde ich als zu konstruiert und künstlich.
    wenn schon der begriff „sommergras“ tabu ist, dann ginge für mich auch „frisches gras“. das ergäbe eine ähnliche komposition in meinen ohren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s