6. bild auf dem tisch

bild auf dem tisch –

der demente opa

umarmt seinen enkel

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7 Gedanken zu “6. bild auf dem tisch

  1. ehrlich gesagt kann ich mit diesem haiku nicht viel anfangen. vor mir sehe ich ein bild auf einem tisch, das einen alten mann, der mittlerweile dement ist zeigt, wie er seinen enkel umarmt. und dann denke ich daran, dass diese zärtliche geste und die demenzkrankheit eine traurige wende im leben dieses gealterten menschen – aber auch im leben seines noch in der lebensblüte stehenden enkels und auch im leben seiner kinder ist. das alles macht mich traurig, weil es eine häufige realität im leben von uns menschen ist.
    aber irgendwie fehlt mir da etwas, was diese meine gedanken weiterführen und ihnen vielleicht eine interessante wendung geben könnte.

  2. Mir geht es ähnlich wie Viktoria. Es ist ein ernstes und wichtiges Thema. Doch das Haiku überzeugt mich beim ersten und auch beim wiederholten Lesen nicht. Mich stört der Telegrammstil in a. Und auch ich hätte gern noch einen zweiten Gedanken, der dem in b und c Beschriebenen noch eine neue Wendung gibt.

    Doch ich mache es mir hier – und nicht nur hier – zur Aufgabe, erst einmal dem Text Zeit und Aufmerksamkeit zu geben. Vielleicht übersehe ich ja auch etwas und komme dann mit meinen „Verbesserungsvorschlägen“, ohne den Text ganz verstanden zu haben.

    Das Haiku ist klassisch nach dem Muster einer Juxtaposition a / bc gebaut, was durch den Gedankenstrich auch besonders betont wird.
    Damit stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis das Bild auf dem Tisch zu dem beschriebenen Geschehen mit dem dementen Opa, der seinen Enkel umarmt, steht.
    Warum wird das Bild überhaupt genannt, wenn es lediglich etwas zeigt, das auch direkt beschrieben werden könnte? Bringt a etwas Besonderes in das Haiku ein oder ist es im Grunde überflüssig?

    Dieser Frage ist nachzugehen. Das Bild und der Tisch erscheinen mir bei genauerem Nachdenken als eine explizite Betonung der Perspektive. Das Bild ist die Fixierung eines Augenblicks. Jetzt, in diesem Moment, zeigt sich etwas so, wie es gerade erscheint. Wenig später aber kann es – möglicherweise – schon wieder anders aussehen. Der Tisch steht dafür, dass etwas „auf den Tisch“ kommt und damit zum Gegenstand der Aufmerksamkeit, der Betrachtung und möglicherweise auch der Verhandlung gemacht wird – so wie jetzt auch dieses Haiku, das in dieser Woche hier auf den Tisch gekommen ist und nun unter die Lupe genommen wird.
    Mit a wird nach diesen Überlegungen also gesagt:
    Schaut her!
    So sieht es also aus!
    Und unausgesprochen liegt damit auch die Frage auf dem Tisch: Wie gehen wir jetzt damit um? Wir haben das jetzt auf dem Tisch!
    Oder ist uns das alles vielleicht nur von jemand aufgeTischt worden? Ist es möglicherweise eine EinBildung?

    So betrachtet wird a und die darin verborgene Perspektive sogar zum entscheidenden Dreh- und Angelpunkt des Haikus. Ist Opa wirklich dement (b), gibt es dafür Anzeichen und was bedeutet das für die Beziehung zu ihm (c)?

    Sehr verwirrend und leidvoll für alle Beteiligten ist sehr oft gerade die Anfangsphase einer Demenz, in der noch nicht so recht „klar“ ist, wie sehr sich die Lebenswirklichkeit nun verändert. Arno Geiger hat das sehr eindrucksvoll und persönlich am Beispiel seines alten Vaters in seinem Buch „Der alte König in seinem Exil“ beschrieben.

    Ich kehre zurück zu dem Text. Er gewinnt für mich mit diesen Überlegungen an Gewicht und Bedeutung. Gern würde ich noch den Artikel an den Anfang setzen:

    das bild auf dem tisch –
    der demente opa
    umarmt seinen enkel

    Habe ich da nun zu viel hineingelesen?
    Aber ist nicht gerade das „das Haiku“ – die Kommunikation von Autor und Leser mittels eines kurzen Textes?

  3. Vielleicht ist es gar kein Bild, sondern die „BILD“ auf dem Tisch? Und was da in der letzten Zeit zu lesen war, könnte einen dementen Onkel durchaus aufschrecken.
    Tückisch ist hier, dass die Kleinschrift verwendet wird.

  4. ja, wenn es sich um die BILD-zeitung handelt, dann kommt für mich eine andere szene in den sinn. etwa so: der enkel hat den dementen opa darauf hingewiesen, wo seine zeitung liegt, nämlich auf dem tisch.
    und der opa ist ihm dafür dankbar.
    und dann kommt die thematik auf, dass zu hinterfragen ist, welche informationen und hinweise (die BILD ist ja schließlich ein informationsmedium) wirklich wichtig sind für einen menschen – und warum. und bei welchen informationen und hinweisen freude aufkommen kann und warum.
    nun ist es für mich ein weitaus schönerer gedankengang als zuvor. (mir als österreicherin ist aber der begriff bild für eine zeitung nicht alltäglich, weshalb ich extra auf solche gedankenkänge hingewiesen werden musste.)

  5. Natürlich ist es eine Möglichkeit, bild auf dem tisch auf die BILD-Zeitung zu beziehen.

    Es ist das Recht eines jeden Lesers, das Haiku auf seine Weise zu deuten.
    Näheres dazu in der Diskursbar.

    Mich überzeugt aber diese Deutung aus zwei Gründen nicht:

    1. „Bild“ wird dabei nicht mehr in seinem bedeutsamen Verweisungszusammenhang verstanden, sondern lediglich als austauschbarer Titel einer Boulevardzeitung. Es könnte ebenso gut die Morgenpost sein oder auch ein völlig anderer Gegenstand, den der demente Opa sucht.

    2. Eine Verbindung zwischen BILD- Zeitung und Demenz herzustellen, mag zwar in gewissem Sinne wohlfeil sein, erscheint mir aber gerade deshalb reichlich konstruiert und nach beiden Richtungen hin sehr fragwürdig.

  6. Eine Verbindung zwischen BILD- Zeitung und Demenz herzustellen, mag zwar in gewissem Sinne wohlfeil sein, erscheint mir aber gerade deshalb reichlich konstruiert und nach beiden Richtungen hin sehr fragwürdig.

    Nun, Demenz betrifft nachweislich zunächst das Kurzzeitgedächtnis. Das Langzeitgedächtnis funktioniert bei Dementen lange Zeit noch sehr gut. Und wie ist es nun, wenn die vor ihm liegende BILD alte schreckliche Bilder aus dem Gedächtnis des Opa hervorholt?

    Wieso sollte diese Verbindung reichlich konstruiert sein? Im Gegenteil, sowohl Demenz als auch die BILD sind bei uns alltäglich.

    Ich kann den Einwand, tut mir leid, überhaupt nicht nachvollziehen. Er scheint mir weit realitätsfremder zu sein als meine Interpretation des Textes.

    Aber immerhin haben wir damit eine gewisse Offenheit des Textes erkannt.

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