12. Verlorene Handtasche

Verlorene Handtasche
die Flüchtlingseinrichtung
wird nicht benötigt

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7 Gedanken zu “12. Verlorene Handtasche

  1. Was bei diesem Haiku sofort ins Auge geht, ist die Juxtaposition, die uns geradezu nötigt, die eine, drängende Frage zu stellen:
    Was, bitteschön, hat die verlorene Handtasche, mit dem Statement zu tun, dass die Flüchtlingseinrichtung nicht benötigt wird?

    Die Absicht ist in Zeiten wie dieser deutlich zu erkennen. Unsere Gesellschaft ist, wie fast täglich wiederholt wird, „in der Flüchtlingsfrage“ tief gespalten.
    Doch was ist eigentlich „die Flüchtlingsfrage“?
    Hier fängt es schon an mit der Spaltung:
    Die Flüchtenden selbst, die ihr Leben und alles, was sie haben, daransetzen, um aus Krieg, Gewalt, Verfolgung und großer Not zu entkommen, sind keine Frage, sondern Realität.
    Es sei denn, sie wären eine Erfindung der „Lügenpresse“ und die Bilder im Fernsehen, vor dem Lageso und in den Flüchtlingseinrichtungen wären nur eine Inszenierung von „Hollywood“. Dann würde die Flüchtlingseinrichtung natürlich nicht wirklich benötigt.
    Oder aber – doch so dumm, das zu behaupten, wird doch wohl hier niemand sein – wir, die Deutschen, benötigen keine Flüchtlingseinrichtungen? Natürlich benötigen wir keine Flüchtlingseinrichtungen. Wir haben ja unsere schicken Häuser und in der Regel gut sanierten Wohnungen und sind auch selbst bis hin zu den Zähnen meist gut saniert. Die Flüchtlingseinrichtungen sind doch für die Flüchtenden, bis diese auch einmal in Wohnungen und privaten Häusern ein neues Zuhause finden. Das alte ist ja kaputt.

    Aber was hat das denn nun alles mit der verlorenen Handtasche zu tun??? Diese Frage bleibt allerdings offen, denn dafür wird die Flüchtlingseinrichtung nun wirklich nicht benötigt! Oder sieht da jemand einen tieferen Zusammenhang? Im Haiku spielt ja das Ungesagte eine große Rolle. Aber das Ungesagte ist nicht gleichbedeutend mit dem Unsäglichen, in der Regel jedenfalls.

  2. Nein, die Flüchtlingseinrichtung wird nicht benötigt, wenn eine Handtasche verloren gegangen ist.
    Aber, welche Aufregung wenn dies passiert ist. Aber alles, was in der Handtasche war, läßt sich relativ schnell ersetzen. Die Papiere werden neu beantragt und ein neues Schloß wird in der Haustüre eingebaut.
    Die Menschen, die flüchten mußten, haben alles verloren. Ihre Heimat, ja sogar ihre Sprache. Wie soll das ersetzt werden?
    Dazu sind Kräfte nötig, die Empathie und Menschlichkeit voraussetzen. Im Kleinen wie im Großen.

  3. Elke hat in ihrem Beitrag Klartext geredet. Das ist bei diesem Thema sehr angebracht. Es geht um das Leben von Menschen. Da ist Eindeutigkeit gefordert.

    
Haikus aber sind gerade keine Kundgebungen von Eindeutigkeit, sondern ihrem Wesen (oder zurückhaltender gesagt: ihrer Tendenz) nach Aufzeichnungen von Augenblickserlebnissen, in denen sich die offene Vieldeutigkeit der um und in uns wirkenden Wirklichkeit spiegelt.

    Deshalb entsteht hier eine starke Spannung
    zwischen der ethischen und politischen Herausforderung dieses Themas einerseits
    und seiner schwebenden Umkreisung durch ein Haiku andererseits.

    Ich habe diese Spannung in meinem ersten Beitrag aufzunehmen und weiter auszuführen versucht. Dabei war mir sehr bewusst, dass dieses Feld von scharfen Bruchlinien und gefährlichen Abgründen durchzogen wird.

    Als ich vor fast elf Jahren bei http://www.haiku.de meine ersten Schritte in das Haikuland gewagt habe, wäre mir ein solcher Text wahrscheinlich noch um die Ohren geschlagen worden. Heute sind wir glücklicherweise weiter und freier.
    Ist das mit einem Profilverlust unserer Haikus verbunden?
    Oder reagieren wir einfach komplexer auf eine höchst komplexe Wirklichkeit?

    Wie politisch darf Haiku sein?

    M.E. überschreitet das Haiku von der verlorenen Handtasche weder die Grenze des ethisch und politisch Zuträglichen, das ohnehin stark an die Perspektive des Betrachters gebunden ist,
    noch die des Genres Haiku, das eine Unabgeschlossenheit und Offenheit für den Betrachter einschließt. Im Gegenteil: Dieses Haiku verbindet beides miteinander und tritt mir damit als sowohl literarische wie auch ethisch-politische Provokation im besten Sinne dieses Wortes entgegen.

    Es erscheint mir als ein Beispiel dafür, dass Haikus sogar in der politischen Diskussion einen sehr wichtigen Beitrag leisten können:
    Sie können das weit verbreitete Lagerdenken und die damit verbundenen Denk- und Sprechverbote unterlaufen, indem sie der Ambivalenz und Offenheit auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit Ausdruck verleihen. So können Gespräche wieder möglich werden.

  4. inhaltlich finde ich alle aussagen hier passend und kann sie nur persönlich unterstreichen.
    was aber das haiku selbst betrifft, so spricht es mich nicht an. die wortzusammenstellung samt dem beabsichtigten inhalt kommt mir zu konstruiert vor.
    es ist gut und schön, wenn das haiku den/die leser/in zum bedenken und nachfühlen der obig angesprochenen inhalte führt – aber als kleines „gedicht“ lässt es mein ästhetisches bedürfnis unbefriedigt. aber solches mag geschmackssache sein. weshalb ich mich lange scheute, dies hier zu erwähnen.

  5. Mir ging es am Anfang ähnlich wie Dir, Viktoria.
    Die knappe Formulierung in a und die nüchterne Amts-Sprache in bc wirkt fast etwas verkniffen. Ich kann sogar verstehen, wenn hier jemand eine unterschwellige Suggestivität empfindet und darauf ärgerlich reagiert.

    Andererseits: Das alles gehört für mich mit in den Nachhall dieses Haiku. Es hat für mich die Ästhetik einer bedrängenden und zugleich komplexen Wirklichkeitsdichte.

  6. ja, wichtig ist ja nur, dass es dem leser/der leserin gefällt und bei ihm/ihr einen stimmigen nachhall erzeugt.
    bei mir ist das bei diesem haiku – auch nach erfolgter besprechung – nicht der fall.
    aber jede/r hat seinen eigenen zugang zu diversen kunstformen und themen. das ist mal sicher. 🙂

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