13. idomeni

idomeni –

hier im park

verhandeln krähen das brot

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Ein Gedanke zu “13. idomeni

  1. Idomeni – das Flüchtlingslager an der griechisch-mazedonischen Grenze wurde in der letzten Woche durch die griechischen Behörden aufgelöst. Durch die Aufmerksamkeit der Medien ist es zu einem Symbol für das Leid vieler Flüchtender auf ihrem Weg nach Europa geworden. Und ebenso zu einem Symbol für die lange anhaltende Unfähigkeit der europäischen Staaten, diesem Leid gemeinschaftlich nach den Grundsätzen ihrer vielbeschworenen Werte zu begegnen.
    Die Zukunft sehr vieler Menschen ist weiterhin ungewiss. Innerhalb und zwischen den europäischen Gesellschaften und Staaten kommt es zu bedrohlichen Spaltungen. Partikulare Interessen scheinen wieder einmal den Vorrang zu besitzen – vor der Menschlichkeit und der kooperativen Vernunft, die Spannungen abbauen und den Frieden fördern hilft.

    Ist das ein Thema für ein Haiku?
    Immerhin wurden in den letzten Wochen hier mehrere Texte eingesandt, die sich diesen Fragen widmen. Es wäre auch sehr seltsam, wenn wir uns nur mit den gerade wieder üppig blühenden Landschaften vor den Balkonfenstern, nicht aber mit den ebenfalls unübersehbaren Problemen vor unserer Haustür beschäftigen würden.
    Aus meiner Sicht kann es nur darum gehen, WIE dieses Thema durch ein Haiku behandelt werden kann.

    Konstitutiv für das Genre Haiku ist seine Unabgeschlossenheit und Offenheit, die bei den Lesenden einen Nachhall auslösen und damit ihr eigenes Empfinden, Fühlen und Denken anregen soll. Das ist das genaue Gegenteil von richtungsweisenden Statements und Willensbekundungen, die gerade in den gesellschaftlichen und politischen Diskussionen einen breiten Raum einnehmen, nicht selten aber eher der Polarisierung als einem tieferen Nachdenken dienen.
    Wenn sich Haiku davon abheben, können sie sogar diskursfördernd wirken, was ohnehin ihrem auf Kommunikation hin angelegten Wesen entspricht.

    Doch nun endlich zu unserem konkreten 13. Haiku der Woche!
    Wie beim letzten Haiku ist auch hier wieder die Juxtaposition von a und bc das dominierende Merkmal. Und damit stellt sich wieder die Frage, was beide Elemente miteinander zu tun haben.

    „idomeni -“ in a ist offensichtlich das Thema und Problem, das angesprochen werden soll. Auch wenn es uns nahe geht – die allermeisten kennen es nur aus dem Fern-Sehen.
    
Was unmittelbar nahe liegt benennt b: „hier im Park“. Damit ist zugleich eine räumliche Nähe, aber auch ein deutlicher Kontrast in Bezug auf die Lebensqualität angesprochen. Verglichen mit den Aufenthaltsorten oder gar den Herkunftsgebieten der Flüchtenden leben wir parkartigen Umgebungen.
    In c wird diese Lokalbestimmung mit einer weiteren Aussage verknüpft: „verhandeln krähen das brot“.

    Jetzt öffnen sich dem Betrachter verschiedene Wege des Nachdenkens, die sehr von der Bedeutung, die den „krähen“ beigemessen wird, abhängen.

    Gehen wir zunächst ganz haikutypisch davon aus, dass es sich ursprünglich um eine Naturbeobachtung handelt. Da sind Krähen im Park, die um Brot, das ihnen Menschen überlassen haben, . . . ja was nun? Wetteifern? Streiten? Oder „verhandeln“, wie es im Haiku heißt? Das Wort befremdet auf den ersten Blick, da es in die Sphäre der menschlichen Gesellschaft zurückverweist. Sind Krähen dazu überhaupt in der Lage? Die Biologie bestätigt, dass diese Vögel über soziale Intelligenz verfügen, was sich in ihrem Verhalten deutlich widerspiegelt. [http://www.welt.de/wissenschaft/article1842373/Kraehen-ziehen-an-einem-Strang.html]
    So gelesen ergibt sich ein Kontrastbild: Die Krähen schaffen das, was die Menschen untereinander offensichtlich wieder einmal nicht hinbekommen. Idomeni ist ein menschlicher Skandal.

    Eine völlig andere Lesart ergibt sich, wenn die „krähen“ nicht biologisch, sondern symbolisch als dunkle Vögel und Todesboten verstanden werden. Dann werden sie und „das brot“ zur Metapher und „verhandeln“ zur direkten Aussage: Während die Flüchtenden auf ihrem Weg nach Europa steckenbleiben, wird hier im wohlgepflegten Ambiente von schwarzen Vögeln über ihr Brot und Überleben verhandelt. Was kann dabei herauskommen, wenn solche Verhandler das Sagen und Entscheiden haben?

    Und schließlich: Ob wir uns nun für die erste oder zweite Lesart entscheiden oder über noch weitere Interpretationsmöglichkeiten diskutieren: „idomeni -“ Darum geht es.

    So sind wir am Ende wieder auf den Anfang zurückgestoßen worden.

    Ist es nun ein „gutes“ Haiku?
    
Meine persönliche Antwort: Es IST kein gutes Haiku, aber es KANN eins sein, wenn es das gemeinsame offene Nachdenken über die komplexen Fragen anstößt, die ihm zugrunde liegen.

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