18. im autolack

im autolack
spiegelt sich die sonne
blendet mich

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5 Gedanken zu “18. im autolack

  1. Ich sehe c als Wiederholung von b. Wenn sich die Sonne spiegelt, heißt es, dass ich die Sonne sehe. Da ist ein Geblendetsein bestenfalls in der Dämmerung oder vielleicht in schwarzem Lack zu vermeiden. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie die Sonnenspiegelung im Autolack überhaupt aussieht. Offensichtlich handelt es sich um ein frisch gewaschenes Auto. Oder es ist einfach so unspektakulär (für mich) auf den Lack eines Autos zu sehen. Das Auto hat vermutlich einen hohen Stellenwert im Leben des Haikuschreibers. So hoch, dass die Sonnenspiegelung dem Autolack die Krone aufsetzt. Doch das war dann doch zuviel (des Guten). Ja, man sollte sich Autooberflächen nicht allzu intensiv ansehen, mein Fazit. 😀
    Aber ein interessantes Haiku ist es dennoch nicht, weil es nur ein Bild beschreibt, weil mir das „Ich“ zu sehr im Vordergurnd steht und weil keine Bewegung/Spannung drin ist. Es ist alles gesagt, und das ist richtig schade für das Autolackhaiku.

  2. Ich finde es super. Nicht, dass ich mich zu den Autonarren oder gar den Autowasch-Fetischisten zählen würde. Auch glaube ich nicht, dass dies für den oder die Haikuschreiber/in gelten muss (… allein schon deshalb, weil wir uns sehr davor hüten sollten, Autor/in und lyrisches Ich zu verwechseln – oder gilt diese Grundregel nicht für Haikus? Dann müsste ich mal dringend meine eigenen Texte durchsehen und hier und da Rotstiftarbeit leisten :-)).

    Maßgeblich ist für mich zum einen die Konkretheit des Augenblicks, der sich in diesem für mich hochsommerlichen Bild wiederspiegelt und der (nur mal so zum Beispiel) an einer überfüllten Raststätte auf dem Weg in den Urlaub aufgenommen worden sein könnte, zum anderen empfinde ich diese Sprachspielerei bzw. -spiegelei (Spiegelei?) rund um die Sonne – mal Objekt, mal Subjekt – einfach als köstlich. Und: Blendet mich die Sonne selbst oder nur ihr Lack-Spiegelbild? Und: Was sehe ich überhaupt noch, wenn es einfach zu hell für meine Augen wird? Und, ja, klar, von mir aus: Sind wir nicht alle ein bisschen geblendet von Autos und anderen lackierten oder nicht lackierten Objekten der Begierde? Oder Subjekten? Gibt es sowas wie ein Subjekt der Begierde? OK OK, ich gehe mal wieder ein wenig in den Schatten… bei dem Haiku ist aber m. E. alles im Lack.

  3. ich seh da einen sitzen in seinem cabrio auf großer fahrt. und im schönen polierten lack des hecks spiegelt sich die sonne – blitzt auf – und blendet den fahrer.
    da ist diese sonne, diese natürliche licht- und energiequelle. und da ist dann dieses von menschenhand gefertigte heck mit seinem polierten lack, das diese spiegelung verursacht. und dann noch dieses Ich, welches dadurch geblendet wird. geblendet von echtem im zusammenspiel mit künstlichem. und dieses Ich steht da in der mitte, dazwischen – und kennt sich nicht wirklich aus. zumindest für diese sekundenbruchteile, wo seine klare sicht auf die dinge durch das blitzen von einer anderen nicht fassbaren energie auslässt, ausgelöscht wird.
    nur gut, wenn da alles weiterhin gut geht. aber es könnte auch im bruchteil einer sekunde alles anders werden – wer weiß?
    ganz fassbar sind solche phänomene, wenn mensch sie erlebt, ja doch nicht.

    ein haiku, das schwierig zu fassen daherkommt. auch verwirrung zu stiften vermag. doch einiges in sich birgt, finde ich.

  4. Das ist eine spannende kontroverse Diskussion – vielleicht etwas ungewohnt, vielleicht auch ein wenig aufregend…

    Aber tut es unserer Beschäftigung mit dem Haiku nicht gut,
    wenn sich dabei verschiedene Positionen begegnen?

    Ich will als Blogbetreiber nicht den Oberschiedsrichter spielen. Aber ich nehme mir natürlich auch die Freiheit, meine Meinung zu schreiben, nicht mehr und nicht weniger, auch wenn es manchmal etwas mehr Worte werden…

    Bei diesem Spiegel-Haiku fällt mir besonders auf, was natürlich auch sonst gilt:
    Das Gespräch darüber spiegelt vor allem wider, wie wir an den Text herangehen.
    Ich versuche immer, erst einmal meine eigenen Vorstellungen zurückzustellen. Schließlich hat sich die Autorin oder der Autor etwas dabei gedacht, was ich erst einmal verstehen möchte. Verstehen aber heißt, dem Geschriebenen nach-zu-denken.

    Hier geht es um Spiegelungen – also um Sein und (Wider)Schein, um Reflexe, die auch durch uns selbst hindurchgehen und dann als Reflexionen bezeichnet werden.

    Was als banaler optischer Vorgang auf einer glänzenden Oberfläche des Autos beginnt, reizt zunächst unser Auge. Ein natürlicher Abwehrreflex ist die Folge.
    Interessanterweise richtet sich dieser Abwehrreflex dann aber auch gegen den Text selbst.
    Wer lässt sich schon gern blenden oder in eine Blendung hineinziehen?
    Das Blenden geschieht dabei auch im übertragenen Sinne – vor allem glänzende Autos können blenden.
    Na und?
    Das war auch meine erste Spontanreaktion. Ich mag das eigentlich nicht auch noch vorgeführt bekommen.

    Aber am Ende bin ich dann mit drin in diesem Textzusammenhang,
    der mit dem Auto beginnt und mit dem lyrischen Ich aufhört.
    Kann ich mich davon überhaupt distanzieren?
    In dem Moment, wo ich geblendet werde und mich blenden lasse, – beides ist nicht zu trennen – ist es schon zu spät. Ich kann mich zwar verärgert abwenden, aber auch mit dieser Reaktion bestätige ich nur die vorausgehende Tatsache. Mein Ärger ist auch eine Reflexion.

    So bleibt mir am Ende nichts anderes, als diese Zusammenhänge beim Namen zu nennen.
    Und genau das tut das Haiku in aller Schlichtheit,
    nichts anderes.

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