1. Freitagsfrage: Leidet der Haikuprozess an Selbstbezüglichkeit?

Wenn in einer Haikucommunity ein Kurztext veröffentlicht wird, gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit diesem Text umzugehen:
1. Man kann ihn auf sich wirken lassen, ihn „ausreden“ lassen und ihm dabei Zeit und Raum gewähren, sich zu entfalten.
2. Man kann sich ihm auch mit der Frage nähern, ob das überhaupt ein richtiges Haiku ist.

Auch wenn sich in der Praxis beide Ansätze durchdringen, wird doch die eine oder die andere Weise des Umgangs mit dem Text bald in den Vordergrund treten.

Zwar herrscht weithin darüber Einigkeit, dass es eine letztgültige Definition dessen, was ein Haiku eigentlich ist, nicht gibt und nicht geben kann – weil es sich dabei um einen Entfaltungsprozess und um ein Kommunikationsgeschehen handelt. Ein zentrales Merkmal des Haiku als Text ist ja gerade, dass es offen und der Text selbst eben noch nicht „alles“ – noch nicht das Haiku – ist.
Doch hat wohl jede und jeder trotzdem mehr oder weniger feste Vorstellungen davon, was ein Haiku ist und was nicht.

Werden nun diese – wie beim zweiten Annäherungsversuch – auf einen neuen Text übertragen, dient das der Orientierung des Lesers und seinem verständlichen Bedürfnis, seine eigene Haikuwelt in Ordnung zu halten.
Aber was geschieht dabei eigentlich?
Mir scheint, es geschieht dabei etwas sehr Ähnliches wie es  früher in den Kirchen üblich war: Neue Phänomene, werden primär nicht als neue Phänomene wahrgenommen und beobachtet, sondern von den angestammten und herrschenden Dogmen her betrachtet und bewertet. Und dann kann natürlich nicht wahr und nicht Haiku sein, was nicht wahr und nicht Haiku sein darf.
Diese Einstellung hat den Kirchen und der ganzen Gesellschaft über lange Zeit geschadet, bis sie angefangen haben, ihre eigenen Grundsätze zu relativieren.

Kann es sein, dass wir als Haikugemeinschaft einen ähnlichen Prozess durchlaufen?
Leiden das Haiku und der Kommunikationsprozess des offenen Haiku-Geschehens an einem Zuviel an Selbstbezüglichkeit?   

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5 Gedanken zu “1. Freitagsfrage: Leidet der Haikuprozess an Selbstbezüglichkeit?

  1. Allein die Frage, ob ein Haiku auch wirklich ein Haiku ist oder nicht, macht vor allem eines. Sie grenzt ab und sie grenzt aus. Und das passiert vornehmlich mit Haiku, die nicht dem Mainstream entsprechen. Das macht es schwer, als Neuling in den „erlauchten Kreis“ vorzudringen und dort anerkannt zu werden. Auf der anderen Seite verhindert es einen echten Diskurs, weil willige Teilnehmer schon abgekanzelt werden, bevor sie auch nur Zeit haben, den Zeigefinger zu heben. Umso enger man die Regeln für ein „echtes“ Haiku steckt, umso mehr grenzt man auch den Diskurs ein.

  2. was mich betrifft, so habe ich bis heute nicht genau verstanden, was genau ein haiku ausmacht. ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass jede zeile ein eigenes bild sein kann – und diese bilder agieren dann miteinander und lösen im leser/der leserin eine eigene wahrnehmung aus.
    diese herangehensweise gefällt mir – denn sie ist absolut individuell – so wie jede/r haiku-verfasser/in und jede/r leser/in.
    mAn muss es also so sein, dass ein haiku (wie jedes andere (kunst-)werk auch) mit jenen menschen in resonanz geht, deren lebenswelt ähnlichkeit mit den worten und wortfügungen des haikus hat. dem einen menschen mögen diese worte wohltun oder sie abstoßen – anderen machen sie gar keinen eindruck. vielleicht deshalb nicht, weil die worte einfach nicht „greifen“ und deshalb nichts auslösen – oder aber deshalb, weil der/die leser/in sich nicht genügend auf die worte einlassen wollte oder konnte oder was auch immer. denn allzu oft ist es doch so, dass gewisse worte/sätze/etc. im 1. moment nicht wirken – bei näherer auseinadersetzung aber sehr wohl.
    denn sobald man sich als mensch auf etwas bestimmtes einlässt, so entfaltet dieses etwas auch die magie der begegnung. das ist mit einem menschen so – kann natürlich aber auch mit jedem kunstwerk oder anderen menschlichen gaben so sein.

    nun, ich finde es schön, sich hier in diesem rahmen über die gedankenwelt und wortwahl einer anderen person ausdrücken zu dürfen und ihr damit auch ein gewisses feed-back geben zu können. damit entsteht mAn auch wieder so etwas wie eine begegnung, wenngleich auch anonym, da der/die verfasser/in des jew. haikus ja unbekannt bleibt.

    und ich genieße es, meine gedanken zu diversen haikus hier auszudrücken.

    allerdings ist mir schon sehr aufgefallen, dass es mir wesentlich schwerer fällt, auch dann was zu schreiben, wenn mich das haiku nicht angesprochen hat oder ich es für nicht „gut“ (was auch immer das sein mag) fand. da scheue ich mich schon, mich zu outen. denn frau will ja niemanden verletzen…
    und außerdem gibt es ja auch oft positive wortmeldungen, die ich dann auch nicht schmälern mag.

    also zusammenfassend noch zum schluss meiner langen wortmeldung: es ist nicht leicht, kritik auszudrücken. zumindest nicht für mich – aber ich nehme mal an, auch für einige andere…
    und auch dieser umstand setzt dem diskurs derzeit grenzen, meine ich.

  3. … wir sind alle Lernende … um zu verstehen, was Haiku möchte, Haiku zu verstehen und um selbst gute Haiku zu schreiben ist ein nicht enden wollender Lernprozess nötig … ich werde hier meinen Zeigefinger nicht erheben und distanziere mich ausdrücklich von der Bezeichnung „erlauchter Kreis“ … schon deshalb weil ich diese Bezeichnung vor vielen Jahren einmal selbst benutzt habe und dann zur Antwort bekam: ‚Wenn du dich dazu zählst!?‘ … Ich möchte es mit meinen Worten sagen: Haikuschreiben ist eine Lebenseinstellung. … und es hilft ungemein gute Haiku und vor allem auch über Haiku zu lesen, um sich selbst heranzutasten an das eigene Haiku, das manchmal prompt gelingt und manchmal halt überarbeitet werden muss … empfehlen kann ich Aufsätze und Haiku von Volker Friebel, Dietmar Tauchner, Gerd Börner, Helga Stania, Angelika Wienert, Hubertus Thum, Wolfgang Beutke etc. … man kann googlen um sich „schlau“ zu machen, findet vieles im Netz, auf den Seiten von Haiku heute, der DHG e.V oder Haikuscope … man sollte allerdings auch bereit sein, sich mit den Themen auseinanderzusetzen und nicht felsenfest darauf beharren, dass der eigene (schnell hingehuschte) Dreizeiler ein Haiku ist, an dem man nicht mehr arbeiten muss … meine Gedanken dazu.

    Allen eine gute Zeit …

    wachsende Stille
    der alte Schäfer geht
    den Weidezaun ab

    Ramona

  4. Die Frage, ob es ein Haiku ist oder nicht, darf nicht im Vordergrund stehen uns ist auch unwichtig. Es geht um die Wirkung und Berührung, die ein gutes Haiku beim Leser auslöst. Zwei Bilder, keine Erklärung, dafür Offenheit, Geheimnis und Überraschung, das Neue im Kleinen zu suchen und eine Empathie, die man spürt, machen ein gutes Haiku aus.

  5. Dass Haiku nach einem festen Schema bewertet werden sollen, hat hier erwartungsgemäß niemand behauptet. Offenheit, Resonanz, Qualität – das sind die drei Stichwörter, die nach meinem Verständnis in den bisherigen Beiträgen – ausgesprochen oder unausgesprochen – von besonderem Gewicht sind.
    Mir erscheint es deshalb sinnvoll, sie noch einmal unter die Lupe zu nehmen.

    OFFENHEIT gilt als ein wichtiges Merkmal beim Haiku. Es darf im Text nicht alles schon gesagt sein. Es muss für den Leser etwas bleiben, das er noch entdecken kann.
    Aber auch die Offenheit des Lesers für die unausgesprochenen inneren Möglichkeiten des Textes ist von großer Bedeutung, vor allem dann, wenn er nicht von vornherein schon so haikulike daherkommt. Diese Offenheit beim Lesen leidet natürlich zwangsläufig, wenn das Angebot an Texten sehr ansteigt. Dann entscheidet oft der erste Blick, ob ein Text durchgeht oder durchfällt. Deshalb gibt es ja die Haikulupe, als einen Ort der Langsamkeit und der Offenheit, wo nur ein Haiku pro Woche einen breiteren Raum und eine intensivere Aufmerksamkeit erfahren soll.

    RESONANZ ist ein anderes Wort für das Geschehen, das beim Haiku gern als „Nachhall“ bezeichnet wird. Damit ist die Kommunikation zwischen Haiku und Leser direkt angesprochen. Damit Resonanz entstehen kann, bedarf es sowohl eines hinreichend starken Impulses als auch eines Ohres, das fähig und bereit ist, diesen Impuls aufzunehmen. Im alten Japan wurden Haiku vor allem in vertrauten Kreisen ausgetauscht. Dabei waren die Resonanzbedingungen natürlich besonders günstig. In der viel unpersönlicheren Umgebung des Internets sollten Haikuautoren darauf achten, dass ihre Texte auch über den eigenen Sprachraum und persönlichen Erfahrungshintergrund hinaus Resonanz erzeugen können.

    Auch QUALITÄT ist eine zweiseitige Angelegenheit. Natürlich ist es jedem Autor anzuraten, erst einmal selbst gute Haiku zu genießen und zu studieren, bevor er mit einem ähnlichen Anspruch hervortritt. Dann aber soll er seine eigenen Wege und Ausdrucksmöglichkeiten suchen und nicht einfach die vorliegenden Muster kopieren.
    Doch auch die Qualität des Lesens, Hörens und Verstehens ist von großer Bedeutung. Wo diese fehlt, wird etwa Bashos berühmtes Haiku von dem Frosch, der in den alten Teich springt und dabei ein Geräusch auslöst, nur ein unverständiges Achselzucken hervorrufen.
    Vielleicht liegt hier eine besondere Aufgabe: In einer Zeit, in der viele gern selbst aktiv und erfolgreich sein wollen, ist die Achtung und die Geduld gegenüber den Texten anderer oft weit weniger ausgeprägt als die Mühe, die für die eigenen Werke aufgebracht wird. Das tut dem Haiku als Kommunikationsgeschehen nicht gut. Es lebt vom Reden U N D Zuhören. Und Zuhören setzt Offenheit, Resonanzbereitschaft und ein echtes Interesse an der Besonderheit des Anderen voraus.

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