20. Loch im Zaun

Loch im Zaun

dahinter das Gras

wie das Gras davor

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5 Gedanken zu “20. Loch im Zaun

  1. das gefällt mir.
    das loch im zaun ist da – aber es ändert am gras garnix. der zaun ist willkürlich in das gras gestellt. hat mit der dazugehörigen landschaft nichts zu tun.
    warum ist er da?
    und schon kann man sich verschiedene szenarien dazu ausdenken: ein viehzaun, hinter dem schafe weiden. ein grenzzaun, der territorialgebiete nicht nur auf landkarten markiert. ein schnell aufgestellter zaun, auf dem demnächst ein neues haus entsteht.
    irgendwer setzt da grenzen und hat auch die macht dazu. dem gras ist das egal. in diesem moment. aber wird das so bleiben?

  2. Ein scheinbar schlichtes Haiku, das aus knappen klaren Worten besteht. Nur die drei Substantive Loch, Zaun und Gras, verbunden durch drei Ortsangaben, bilden den Inhalt.

    a macht sofort neugierig: bei einem Loch im Zaun möchte man wissen, was es dahinter zu sehen gibt. Was trennt der Zaun ab, um es möglicherweise auch zu verbergen? Es muss doch etwas Besonderes sein, wenn da ein Zaun gebaut wurde, der offensichtlich nicht nur den Zutritt verhindern, sondern auch den Einblick verwehren soll!

    So zielt das Haiku auf unsere weit verbreitete Gier nach etwas Neuem und Besonderem ab, die durch die allgegenwärtigen Medien bestens bedient, aber nie gestillt wird.

    Was gibt es Neues hinter diesem Zaun? Die Antwort ist ebenso schlicht wie tiefsinnig: dahinter gibt es Gras, das sich von dem Gras davor nicht unterscheidet. Die akute Gier in der Neugier ist zunächst gestillt. Doch die Antwort ist ernüchternd. Es gibt nichts Neues! Damit ist die ganze Spannung raus!

    Ist sie damit auch aus dem Haiku raus? Das hängt sehr vom Leser ab, ob er in der vordergründigen Enttäuschung verharrt, oder ob er gerade aus ihr heraus neu zu fragen beginnt und nach neuen Einsichten sucht.

    Was wäre, wenn das Gras dahinter grüner als das Gras davor wäre? Sofort würde ein Erklärungsmechanismus ausgelöst, der mögliche Gründe dafür sucht, um sich schließlich mangels direkter Auskünfte mit dem wahrscheinlichsten zufrieden zu geben. Am Ende der Überlegung ist das Gras dahinter ebenfalls wie das Gras davor plus einer Zutat, die uns, nachdem sie einmal identifiziert ist, in den meisten Fällen schon wieder ziemlich banal erscheint. Wahrscheinlich steht hinter dem Zaun ein Rasensprenger. Ist doch völlig klar, dass das Gras dann frischer aussieht.

    Vielleicht ging die Erwartung aber auch in eine noch andere Richtung? Hinter diesem Zaun muss doch etwas ganz Besonderes sein, wenn es gegen Blicke von außen so massiv abgeschirmt wird! Vielleicht…. – und jetzt beginnen die Höhenflüge der Phantasie…
    Das Loch im Zaun bringt dann die Ernüchterung. In der Enttäuschung kann auch Befriedigung mitschwingen: Dahinter ist es auch nicht anders.
    Nach diesem Schema funktionieren die beliebten Enthüllungsgeschichten aus der Welt der Prominenten. Sobald sich ein Guckloch in ihre abgeschirmte Privatsphäre auftut, sehen wir, wie alltäglich es hinter der Fassade doch zugeht. Das kann dann für uns eine Enttäuschung sein oder auch eine grimmige Freude auslösen.

    Damit hält uns das Haiku schließlich auch eine Art Spiegel vor: Wie reagiere ich auf die Feststellung, dass das Gras hinter dem Zaun auch nicht anders aussieht als das Gras davor?

    Das Haiku selbst lässt alles offen und versetzt mich am Ende der Betrachtung in eine gelassene Heiterkeit – hai ku, ein lustiger Vers.

  3. Ein für mich auch nachdenkliches Haiku.

    Durch welches Loch du auch immer schlüpfst. Eines nimmst du immer mit: Dich.

  4. Schön, dass das Gespräch hier weitergeht!
    Das liegt vielleicht an der besonderen Art dieses Haikus.
    Kurze, einfache Haikus können sehr einladend sein.
    Sie stecken erst einmal einen klar erkennbaren Raum ab.
    Und sie lassen viel Raum für eigene Gedanken.

    Ja, Elke, wir nehmen uns immer mit.
    Auch in jedem Wort, das wir in die Welt hinausschicken, stecken wir selbst schon drin. So gesehen, gibt es eigentlich gar nichts Unpersönliches.

    Ja, natürlich sind viele Zäune so sinnlos, Doris.
    Aber darauf muss man erstmal kommen!
    Wir haben uns ja so sehr an sie gewöhnt.
    So sehr wie an „mein“ und „dein“ oder „wir“ und „die da“.
    Dabei wird gerade dadurch vieles so kompliziert oder sogar richtig schlimm.
    Gute Haikus können zeigen, wie sinnlos das ist.
    Gute Haikus sind wie Lupen.
    Durch sie sieht man manches viel deutlicher.

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