Letzte Kalenderwoche

Die letzte Woche für den HAIKUKALENDER 2017 ist angebrochen! Am 30.08. endet die Ausschreibungsfrist, die ich wegen meines anschließenden Urlaubs auch nicht verlängern werde. 

Bis jetzt sind 59 Haiku und 44 verbindliche Bestellungen eingegangen. Es werden also noch 36 Bestellungen benötigt, damit der Kalender Wirklichkeit werden kann. 

SCHAFFEN WIR DAS noch in den letzten Tagen? 

Herzliche Grüße an alle 

Heinz

3. Freitagsfrage:Zwischen Verstehen und Kritik

In der letzten Freitagsfrage ging es darum, ob ein Leser, der bei einem Haiku  zu dem Urteil kommt, dass schon alles gesagt sei, auch wirklich schon alles gehört hat. Haiku funktioniert nur dann gut, wenn Autor und Leser mit ähnlicher Sorgfalt an den Text herangehen. Haiku ist Kommunikation.
Oft sind wir als Autoren sehr akribisch, denn wir wollen unsere eigenen Werke gelesen, verstanden und wertgeschätzt wissen. Mit dem Lesen fremder Texte halten wir uns in aller Regel nicht so lange auf.

Das ist Grund genug, hier zunächst erst einmal für ein langsameres, genaueres, tieferes Lesen und Verstehen zu plädieren – eben für eine Haikulupe.
Von der anderen Seite stellt sich dann aber natürlich auch irgendwann einmal die Frage, ob unter dieser Prämisse nicht beinahe jeder Text „haikuisiert“ und jede Kritik ausgehebelt werden kann? Schließlich kann ein Leser, der sich wie ein guter Anwalt für die Texte einsetzen möchte, auch aus den „hoffnungslosesten Fällen“ noch einiges herausholen.

In der Praxis mag das selten vorkommen. Doch als die zwei Seiten der einen Medaille zeigt uns dieser Zusammenhang , worauf es beim Haiku ankommt und wo wir uns selbst als konstruktive Mitbürger des Haikulandes befinden: Zwischen Verstehen und Kritik.

Verstehen und Kritik sind die zwei Pole, durch die eine Spannung erst entstehen kann.
Verstehen ohne Kritik führt in die Beliebigkeit und ebnet die Besonderheiten des Haikulandes ein. Kritik ohne Verstehen führt in die Enge und beschränkt das Haikuland auf die feste Burg der eigenen Vor-Urteile.

Nach dem vorausgegangenen Plädoyer für mehr Zeit und Aufmerksamkeit zum Verstehen fremdartiger Texte, stellt sich nun die Frage nach der Notwendigkeit, den Möglichkeiten und Grenzen der Kritik.

Da niemand exakt definieren kann, was ein Haiku ist, dürfte es auch schwierig sein, ganz genaue inhaltliche Kriterien für die Kritik aufzustellen. Das ist auch gut so, denn dadurch bleibt das Haikuland ein offenes Gebiet für fruchtbare Begegnungen.
Vielleicht können wir aber hier doch einmal diskutieren, was wir als essentials für das Haiku ansehen und wo wir Grenzen setzen würden, die nicht überschritten werden sollten.

Ein  kommunikatives Kriterium erscheint mir bei der Haiku-Kritik allerdings von ganz besonderer Bedeutung zu sein: Gerade weil das Haiku kein „fertiger“ Text ist, bei dem alles gesagt ist, sondern ein Prozess, bei dem Autor und Leser / Kritiker zusammenwirken, kommt auch auf den Kritiker eine besondere Verantwortung zu. Er sollte seine Kritik nicht als abwertendes Pauschalurteil äußern, sondern offen sagen, wo er persönlich Schwachstellen sieht und was seine Beweggründe dafür sind. Nur so kann Kritik zu konstruktiven Gesprächen führen.

 

2. Freitagsfrage: schon alles gehört?

Manchmal wird auf ein Haiku mit: Da ist schon alles gesagt! geantwortet.

Das ist ein K.o.-Kriterium für ein Haiku.

Bei einem Haiku darf nicht alles gesagt sein. Es muss noch etwas für den Leser zu entdecken bleiben.

Aber wer kann sagen und darüber urteilen, ob und wann mit dem Gesagten schon alles gesagt ist?

Nehmen wir wieder einmal Bashōs berühmtes Frosch-Haiku: Ein Frosch springt in den Teich und erzeugt dabei im Wasser ein Geräusch.
Ist damit nicht schon alles gesagt?

In diesem Falle wird das wohl niemand zu behaupten wagen. Bei einem so unumstrittenen Haiku-Meister fiele das Urteil sofort auf den zurück, der es gesprochen hat.

Also halten wir uns mit einem Urteil zurück, hören noch einmal genauer hin, lassen es länger auf uns wirken, fragen oder lesen notfalls sogar noch einmal nach und verstehen am Ende vielleicht, dass hier ungesagt ein kultureller Kontext berührt wird, in dem das Haiku eine besondere Wirkung entfaltet.

Ist diese Einstellung gegenüber einem Text nur bei Bashō & Co. geboten, oder sollte sie nicht bei jeder (Haiku-) Lektüre angebracht sein?

Das Haiku vollendet sich erst im Leser. So lautet eine der Kernwahrheiten der Haikuwelt. Damit ist der Leser – ähnlich wie zuvor der Autor – gefragt, ob er denn schon alles gehört hat.

Natürlich ist das in einer Zeit, in der die schnelle Verarbeitung von wachsenden Informationsströmen als Ziel und Norm gilt, eine ziemliche Zumutung. Da muss erst einmal vorsortiert und gefiltert werden, um das Wichtige und Bedeutende überhaupt erfassen zu können. Und wenn nicht gerade „Bashō“ draufsteht, werden solche scheinbar banalen Texte dabei sehr schnell aussortiert.

Dem scheinen viele Autoren mit ihren Texten entgegentreten zu wollen. Es darf unter diesen Kommunikationsbedingungen nicht der Anschein entstehen, dass schon alles gesagt ist. Dem entspricht eine reaktive Tendenz, auf den ersten Blick rätselhaft und geheimnisvoll anmutende Haikus zu präsentieren, bei denen dem Leser geradezu suggeriert wird, dass da noch etwas Bedeutsames mitschwingt, das er nun zu entschlüsseln habe. Gelingt ihm das, dann kann er sich in seiner eigenen Haikukompetenz bestätigt fühlen, was ihn dann auch geneigter machen dürfte, dem Text das gewisse Etwas zuzuerkennen, das es zu einem Haiku macht.

Gerät dabei aber nicht eine wichtige Maxime des Haikuschreibens in Gefahr?

Jack Kerouac hat sie 1959 so formuliert:

Above all, a Haiku must be very simple and free of all poetic trickery and make a little picture and yet be as airy and graceful as a Vivaldi Pastorella.

Zum Schluss und als Zusammenfassung noch einmal die doppelte Frage:

Sollten wir uns als Autoren nicht wieder stärker auf die klare Schlichtheit der ursprünglichen Haikukunst besinnen, statt zunehmend geheimnisvolle Kunstwerke zu fabrizieren?

Und sollten wir uns als Haikuleser nicht wieder stärker auf das geduldige Hinhören besinnen und gegebenenfalls auch einmal zurückfragen, statt zunehmend schnelle Urteile zu fällen?

Es kann ja sein, dass dort, wo schon alles gesagt scheint, noch nicht alles gehört wurde.