24. Wohin der Geist meiner Schwester?

Wohin der Geist meiner Schwester?

Flüstert „Schön warm“,

meint meine Hand.

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11 Gedanken zu “24. Wohin der Geist meiner Schwester?

  1. Was ist das…? – Handelt es sich um das Gestammel eines sechsjährigen Kindes oder eines debilen? Mir jedenfalls erschließt sich aus diesem Wortsalat nichts, rein gar nichts und schon keinesfalls ein Haiku!
    Pardon, es tut mir leid, aber wenn ich so etwas lese, wirft es mir den Hut vom Kopf. Dabei gibt es so gute, wirklich sehr gute Haiku, die es wert sind, hier beispielhaft aufgenommen zu werden, um den wahren und tiefliegenden Sinn der außerordentlich anspruchsvollen Haiku-Poetik zu verdeutlichen.

  2. Ja, was ist das? Ist die Schwester verstorben und es wird eine Seance abgehalten? Eine sehr esoterische Art ein Haiku zu schreiben. Auch ich frage mich, ist das ein überhaupt ein Haiku? Eher könnte ich es mir so vorstellen:

    Wohin der Geist meiner Schwester?
    Ein Schmetterling taumelt
    durch den Tag

  3. Auch mir erscheint dieser Text erst einmal befremdlich. Ich versuche zu verstehen…
    Es ist ja möglich, dass die seltsame Form einem befremdlichen Inhalt entspricht.
    Ein Debiler? Eine Seance?
    W. und Elke haben schon in diese Richtung gedacht.

    In a wird eine Frage aufgeworfen: „Wohin (ist) der Geist meiner Schwester“? In b und c fehlt ein klares Subjekt, doch wird eine physische Wahrnehmung und Präsenz angezeigt.

    Diese Beobachtungen am Text lassen mich an eine Frau denken, die an Demenz erkrankt ist. Ihr klares Bewusstsein scheint in diesen Augenblicken von ihr gewichen zu sein. Wohin, bleibt eine offene Frage, die das lyrische Ich stellt und die betroffen macht, weil in ihr die Fragilität unseres Daseins sichtbar wird.
    Gleichzeitig ist die „Abwesende“ aber doch mit ihren Sinnen anwesend. Sie spürt die Wärme einer Hand, empfindet das mit Wohlbehagen und kann es auch auf einfache Weise ausdrücken.
    So kann uns der Text mit wenigen Worten auf das vielschichtige Leben von und mit Demenzkranken hinweisen. Abwesenheit und Anwesenheit sind auf eigentümliche Weise miteinander verbunden. Das gilt es zu erkennen und als menschliche Herausforderung anzuerkennen.

    Ob das nun Haiku ist? Die Frage ist gestellt.
    Ich weiß darauf keine Antwort zu geben.
    Alles, was ich sagen kann, ist, dass der Text in mir einen starken Nachhall ausgelöst hat.
    Wer die Frage verneinen möchte, sollte das bitte mit einer guten Begründung tun. Nur so kann ein weiterführendes Gespräch entstehen.

  4. Nachdem mir der Text völlig verrätselt vorkam, erschien mir Elkes Erklärung einleuchtend: vermutlich eine Seance, bei der Geister mittels Händehalten zum Sprechen gebracht werden („Schön warm“, was auch immer die Teilnehmer der Runde aus dieser Mitteilung entnehmen konnten). Jetzt bin ich mir sehr sicher, dass Heinz die in den Text gelegte Mitteilung ent-deckt hat und frage mich, warum ich nicht selber darauf gekommen bin. Vielleicht waren es dieselben sprachlichen Ungereimtheiten, die W. Kolmarek an „Gestammel“ denken ließen: „Flüstert“ in der zweiten Zeile bezieht sich meinem Sprachempfinden nach eindeutig auf den „Geist“ als Subjekt der ersten Zeile und nicht auf die lediglich im Genitiv angehängte Schwester, ein erster Stolperstein also (Nicht die Schwester flüstert nach meinem Verständnis, sondern „der Geist“). Wo geflüstert wird, wird auch erwidert, bestätigt, widersprochen oder einfach nur etwas gänzlich anderes gemeint, so habe ich nach den verwirrenden Eingangszeilen dann die „Hand“ in der dritten Zeile verstanden (Die Hand meint jetzt auch etwas zu dem Geschehen, das „flüstert“ passt zwar irgendwie nicht dazu, aber das Durcheinander in meinem Geist ist ja schon angerichtet). Meiner Meinung nach müssten also die Wortbezüge in dem Text eindeutiger geklärt werden, um das unnötig Verrätselte herauszubekommen. Sodann meine ich, dass erklärendes Meinen (Zeile drei) einem verdichteten Text generell nicht gut tut, er muss in sich enthalten, was a) die Akteure meinen, tun, empfinden und b) was der Autor meint, tut, empfindet. Im Idealfall eines Haikus reicht dem Autor wohl die Mitteilung des beobachteten Geschehens, ohne dass er dazu eine Gegenposition einnimmt oder auch nur eine andere Deutungsmöglichkeit anbietet. Aber das ist dann sicherlich schon ein anderes Thema.

  5. Wohin der Geist meiner Schwester?
    „Schön warm“, flüstert sie,
    mit Blick auf meine Hand.

    Vorschlag eines Umbaus der Zeilen zwei und drei gemäß der Interpretation von Heinz, die mir nach wie als schlüssig erscheint.

  6. Christophs Gedanken kann ich sehr gut nachvollziehen.
    Vor allem das erklärende „meint…“ in c empfinde ich auch als Schwierigkeit in einem Haiku.
    Das Wesen eines Haiku ist es zu zeigen, was geschieht, und nicht zu interpretieren.
    Deswegen erscheint es mir besser, den Inhalt von c in das Geschehen selbst zu integrieren.

    Unschlüssig bin ich bei der enträtselnden Klärung des Subjekts.
    Natürlich wird die Aussage klarer, wenn in b noch einmal Bezug auf die Schwester genommen wird. Für eilige Leser ist das vielleicht überhaupt erst die Chance, den Text zu verstehen.
    Andererseits entspricht diese Unklarheit beim Subjekt aber genau der Demenzerkrankung.
    In diesem Sinne spricht das Haiku dann nicht nur über das Problem, sondern bildet es auch sprachlich ab und stellt den Leser damit vor eine ähnliche Situation wie sie das lyrische Ich im Text selbst empfinden mag.
    Mir gefällt es gut, wenn sich auch in der sprachlichen Form der Inhalt widerspiegelt. Manchmal geht das freilich nur auf kosten der Verständlichkeit. Es bleibt wohl eine Ermessensfrage, ob und in welchem Maße das bei einem kurzen Haiku möglich ist. Im allgemeinen möchte ich das gerade bei lyrischen Texten aber schon als Möglichkeit offenhalten.

  7. Ja, die Wiederholung der Schwester, das neuerliche „Starten“ des Haikus in der zweiten Zeile der vorgeschlagenen Variante wäre ein neuer Schwachpunkt, wenn auch rein sprachlicher Art… Wie gesagt, mir hat sich der Text zuvor überhaupt nicht erschlossen, auch nach aufmerksamer Lektüre nicht, die Demenzerkrankung quasi als „Stilmittel“ mit einbeziehen zu wollen, erscheint mir zudem sehr frag-würdig, gerade über das Unklare, Verwirrte, Verletzte sollte vielleicht besonders klar und deutlich gesprochen werden, nicht zuletzt, um dem eine Stimme zu leihen, der seine eingebüßt hat?

  8. Eine interessante Frage ist das:
    Ist es legitim oder fragwürdig die Demenzerkrankung quasi als „Stilmittel“ mit einzubeziehen?

    Hier treffen zwei grundsätzliche Zugangsweisen aufeinander, die man
    (in Anlehnung an das berühmte Vorbild von Kirkegaards Entweder -Oder)
    als die ethische und die ästehetische Anschauung bezeichnen könnte.

    Christophs respektable Argumentation folgt eindeutig der ethischen Anschauung.
    Die ästhetische Anschauung könnte für sich beanspruchen, dass sie überhaupt erst sichtbar macht und (auf verstörende Weise) ins tiefere Bewusstsein bringt, worum es geht.

    Sind beide Zugangsweisen absolute Gegensätze, oder sind sie komplementär zu sehen?
    Ich neige dazu, die „Freiheit der Kunst“ (riesengroßes Wort, jaja 🙂 ) gegen normierende Beschränkungen zu betonen. Aber auch diese Freiheit muss natürlich irgendwo ihre Grenzen haben, etwa wenn die Menschenwürde dadurch angetastet wird.
    Aber wann ist das der Fall, und wo ziehen wir diese Grenzen?

    In unserem Beispiel würde ich noch nicht die Notbremse ziehen wollen – vor allem weil keine reale Person angesprochen ist.
    Ein Gegenargument könnte sein, dass damit Missverständnisse erzeugt und Missbrauch getrieben werden kann. Damit wären wir dann letztlich wohl in einer correctness -Debatte …

  9. Sind die eingeschränkten Ausdrucksmittel beispielsweise der Demenz geeignet, um über oder „im Stil“ Dementer zu schreiben, wenn es um sie geht? Ich halte wenig bis nichts davon, selbst wenn ein hoher Grad an scheinbarer „Authentizität“ erreicht wird. Letztlich ist es eben doch nicht authentisch. Eine andere Sache ist es, typische Äußerungsformen zum Anlass zu nehmen, um etwas eigenes Anderes daraus zu entwickeln (die Ableitung der „Art brut“ aus der Kunst Schizophrener??? bewusst mit drei Fragezeichen versehen!! ;-). Die correctness würde ich im künstlerischen Umfeld rundheraus ablehnen, in weiten Teilen auch im gesellschaftlichen, was aber nicht hindert, sich im Stilistischen und Sprachlichen Regeln aufzuerlegen, die zusätzlich auch Achtung vor den gewählten „Objekten“ und Themen beinhalten können. Ich muss nicht versuchen, künstlich-kunstvoll zu stottern, wenn ich einen Stotterer vor mir habe und mit ihm – oder über ihn – reden will: Er kann das viel überzeugender als ich und wäre sicherlich sehr irritiert ob meiner kläglichen Versuche, womöglich sogar beleidigt?

  10. Das Beispiel mit dem Stotterer klingt sehr überzeugend. Eine Nachahmung, um Authentizität oder Nähe zu erzeugen, das wirkt künstlich und geht in die falsche Richtung.
    Danke für diese Hinweise!
    Vielleicht muss ich mich als Anwalt der eingereichten Texte hier eines Besseren belehren lassen…

    Mein (unschlüssiger) Gedanke war:
    Der Geist (die Person) der Schwester ist (einerseits) abwesend („Wohin?“). Andererseits ist er in dementer Weise aber auch (noch) anwesend, weil er (sie als Person) ja flüstert und zum Ausdruck bringt, dass die Hand des Bruders schön warm ist.
    Dieser paradoxe Zusammenhang schien mir in der eingestellten Formulierung ganz passend zum Ausdruck zu kommen.
    In a wird der Geist von außen betrachtet und als abwesend empfunden. In b flüstert er selbst, ohne als ein klar erkennbares Subjekt in Erscheinung zu treten.
    Diese besondere Paradoxie hat mich fasziniert, weil ich sie als eine sehr treffende Beschreibung der Wahrheit in der Krankheit empfind: Das Bekannte ist abwesend und gleichzeitig als das Unbekannte anwesend.

    Fällt das nun unter (billige) „Nachahmung“ oder ist es ein subtiler Ausdruck eines komplexen inneren Zusammenhangs?
    Bin noch immer (oder schon wieder) unschlüssig. Was ist nur mit meinem Geist?!

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