3. Freitagsfrage:Zwischen Verstehen und Kritik

In der letzten Freitagsfrage ging es darum, ob ein Leser, der bei einem Haiku  zu dem Urteil kommt, dass schon alles gesagt sei, auch wirklich schon alles gehört hat. Haiku funktioniert nur dann gut, wenn Autor und Leser mit ähnlicher Sorgfalt an den Text herangehen. Haiku ist Kommunikation.
Oft sind wir als Autoren sehr akribisch, denn wir wollen unsere eigenen Werke gelesen, verstanden und wertgeschätzt wissen. Mit dem Lesen fremder Texte halten wir uns in aller Regel nicht so lange auf.

Das ist Grund genug, hier zunächst erst einmal für ein langsameres, genaueres, tieferes Lesen und Verstehen zu plädieren – eben für eine Haikulupe.
Von der anderen Seite stellt sich dann aber natürlich auch irgendwann einmal die Frage, ob unter dieser Prämisse nicht beinahe jeder Text „haikuisiert“ und jede Kritik ausgehebelt werden kann? Schließlich kann ein Leser, der sich wie ein guter Anwalt für die Texte einsetzen möchte, auch aus den „hoffnungslosesten Fällen“ noch einiges herausholen.

In der Praxis mag das selten vorkommen. Doch als die zwei Seiten der einen Medaille zeigt uns dieser Zusammenhang , worauf es beim Haiku ankommt und wo wir uns selbst als konstruktive Mitbürger des Haikulandes befinden: Zwischen Verstehen und Kritik.

Verstehen und Kritik sind die zwei Pole, durch die eine Spannung erst entstehen kann.
Verstehen ohne Kritik führt in die Beliebigkeit und ebnet die Besonderheiten des Haikulandes ein. Kritik ohne Verstehen führt in die Enge und beschränkt das Haikuland auf die feste Burg der eigenen Vor-Urteile.

Nach dem vorausgegangenen Plädoyer für mehr Zeit und Aufmerksamkeit zum Verstehen fremdartiger Texte, stellt sich nun die Frage nach der Notwendigkeit, den Möglichkeiten und Grenzen der Kritik.

Da niemand exakt definieren kann, was ein Haiku ist, dürfte es auch schwierig sein, ganz genaue inhaltliche Kriterien für die Kritik aufzustellen. Das ist auch gut so, denn dadurch bleibt das Haikuland ein offenes Gebiet für fruchtbare Begegnungen.
Vielleicht können wir aber hier doch einmal diskutieren, was wir als essentials für das Haiku ansehen und wo wir Grenzen setzen würden, die nicht überschritten werden sollten.

Ein  kommunikatives Kriterium erscheint mir bei der Haiku-Kritik allerdings von ganz besonderer Bedeutung zu sein: Gerade weil das Haiku kein „fertiger“ Text ist, bei dem alles gesagt ist, sondern ein Prozess, bei dem Autor und Leser / Kritiker zusammenwirken, kommt auch auf den Kritiker eine besondere Verantwortung zu. Er sollte seine Kritik nicht als abwertendes Pauschalurteil äußern, sondern offen sagen, wo er persönlich Schwachstellen sieht und was seine Beweggründe dafür sind. Nur so kann Kritik zu konstruktiven Gesprächen führen.

 

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