5. Freitagsfrage: Kurz und gut oder kurz und klein?

In der Kürze liegt die Würze, sagt eine beliebte Redewendung, die wir gern verwenden, wenn jemand zu weit ausholt und nicht zum Ende zu kommen scheint.

Und beim Haiku, das ja auch als Kurzgedicht bezeichnet wird, spielt die Kürze eine ganz besondere Rolle. So wird in der Diskussion von Texten, bei denen es um die Frage geht, ob das ein (gutes) Haiku ist, häufig der Hinweis gegeben, dass in dem einen Begriff der andere doch schon enthalten sei und folglich gestrichen oder durch etwas anderes ersetzt werden könnte und besser auch sollte.

Nehmen wir am besten einfach mal ein Beispiel. Da schrieb doch Basho allen Ernstes:

Der alte Teich.
Ein Frosch springt hinein –
das Geräusch des Wassers.

Dabei hätte er doch  auf das Wasser verzichten können, denn woraus besteht ein Teich?
Genau! Aber nein: Er kürzt hier nicht, sondern mutet uns zu, diese Doppelung zu ertragen. Ob das ein (gutes) Haiku ist?

Natürlich habe ich hier arg zugespitzt formuliert. Doch manchmal kann das – wenn der Ärger über eine solche Unverschämtheit abgeklungen ist – auch zum Nachdenken anregen. Und darum geht es mir hier. Ich möchte von einem rein mechanischen Gebrauch von Grundsätzen, Regeln oder Leitlinien für das Haiku abraten. Mechanisch wird ein Gebrauch dann, wenn diese Grundsätze etc. zu einer generellen Norm erhoben werden und ohne das Bemühen, den einzelnen Text erst einmal so, wie er geschrieben wurde, zu verstehen, wie ein Richtmaß angewendet werden. Würden wir so verfahren, bekäme Basho sein Wasser wohl gestrichen.

Doch seien wir positiv! Worüber es  nachzudenken gilt, sind die Fragen:
Wann sollte auf Doppelungen besser verzichtet werden?
Wann erzeugen sie eine Redundanz, die als Gewinn für das Haiku zu betrachten ist?
Worin könnte ein solcher Gewinn bestehen?

 

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4. Freitagsfrage

Eine ebenso provozierende wie amüsante Frage wird mit den Installationen des Künstlers Joseph Boys in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Verbindung gebracht: Ist das Kunst oder kann das weg?

Näheres dazu verrät uns Wikipedia: hier

Die  Frage hat einen ernsten, fast verstörenden Hintergrund: Die Grenzen zwischen Kunst und dem, was weg kann, zerfließen. Es bedarf des genaueren Hinsehens, des tieferen Nachdenkens, des intensiven Diskurses, des geschärften Kunstsinnes und des mutigen Urteils, um das eine vom anderen zu unterscheiden.
Wo das geschieht,  hat die Kunst – unabhängig vom jeweiligen Ergebnis – bereits einen wertvollen Beitrag zur BILDUNG, die auf und von vielen Seiten großgeschrieben wird, geleistet.

Mit scheint, die Frage hat auch im modernen Haikuland eine eminente Berechtigung und könnte dem Haiku aus seiner inflationären Krise helfen.
Sollten wir die Frage aufnehmen oder kann sie weg?

3. Freitagsfrage:Zwischen Verstehen und Kritik

In der letzten Freitagsfrage ging es darum, ob ein Leser, der bei einem Haiku  zu dem Urteil kommt, dass schon alles gesagt sei, auch wirklich schon alles gehört hat. Haiku funktioniert nur dann gut, wenn Autor und Leser mit ähnlicher Sorgfalt an den Text herangehen. Haiku ist Kommunikation.
Oft sind wir als Autoren sehr akribisch, denn wir wollen unsere eigenen Werke gelesen, verstanden und wertgeschätzt wissen. Mit dem Lesen fremder Texte halten wir uns in aller Regel nicht so lange auf.

Das ist Grund genug, hier zunächst erst einmal für ein langsameres, genaueres, tieferes Lesen und Verstehen zu plädieren – eben für eine Haikulupe.
Von der anderen Seite stellt sich dann aber natürlich auch irgendwann einmal die Frage, ob unter dieser Prämisse nicht beinahe jeder Text „haikuisiert“ und jede Kritik ausgehebelt werden kann? Schließlich kann ein Leser, der sich wie ein guter Anwalt für die Texte einsetzen möchte, auch aus den „hoffnungslosesten Fällen“ noch einiges herausholen.

In der Praxis mag das selten vorkommen. Doch als die zwei Seiten der einen Medaille zeigt uns dieser Zusammenhang , worauf es beim Haiku ankommt und wo wir uns selbst als konstruktive Mitbürger des Haikulandes befinden: Zwischen Verstehen und Kritik.

Verstehen und Kritik sind die zwei Pole, durch die eine Spannung erst entstehen kann.
Verstehen ohne Kritik führt in die Beliebigkeit und ebnet die Besonderheiten des Haikulandes ein. Kritik ohne Verstehen führt in die Enge und beschränkt das Haikuland auf die feste Burg der eigenen Vor-Urteile.

Nach dem vorausgegangenen Plädoyer für mehr Zeit und Aufmerksamkeit zum Verstehen fremdartiger Texte, stellt sich nun die Frage nach der Notwendigkeit, den Möglichkeiten und Grenzen der Kritik.

Da niemand exakt definieren kann, was ein Haiku ist, dürfte es auch schwierig sein, ganz genaue inhaltliche Kriterien für die Kritik aufzustellen. Das ist auch gut so, denn dadurch bleibt das Haikuland ein offenes Gebiet für fruchtbare Begegnungen.
Vielleicht können wir aber hier doch einmal diskutieren, was wir als essentials für das Haiku ansehen und wo wir Grenzen setzen würden, die nicht überschritten werden sollten.

Ein  kommunikatives Kriterium erscheint mir bei der Haiku-Kritik allerdings von ganz besonderer Bedeutung zu sein: Gerade weil das Haiku kein „fertiger“ Text ist, bei dem alles gesagt ist, sondern ein Prozess, bei dem Autor und Leser / Kritiker zusammenwirken, kommt auch auf den Kritiker eine besondere Verantwortung zu. Er sollte seine Kritik nicht als abwertendes Pauschalurteil äußern, sondern offen sagen, wo er persönlich Schwachstellen sieht und was seine Beweggründe dafür sind. Nur so kann Kritik zu konstruktiven Gesprächen führen.

 

2. Freitagsfrage: schon alles gehört?

Manchmal wird auf ein Haiku mit: Da ist schon alles gesagt! geantwortet.

Das ist ein K.o.-Kriterium für ein Haiku.

Bei einem Haiku darf nicht alles gesagt sein. Es muss noch etwas für den Leser zu entdecken bleiben.

Aber wer kann sagen und darüber urteilen, ob und wann mit dem Gesagten schon alles gesagt ist?

Nehmen wir wieder einmal Bashōs berühmtes Frosch-Haiku: Ein Frosch springt in den Teich und erzeugt dabei im Wasser ein Geräusch.
Ist damit nicht schon alles gesagt?

In diesem Falle wird das wohl niemand zu behaupten wagen. Bei einem so unumstrittenen Haiku-Meister fiele das Urteil sofort auf den zurück, der es gesprochen hat.

Also halten wir uns mit einem Urteil zurück, hören noch einmal genauer hin, lassen es länger auf uns wirken, fragen oder lesen notfalls sogar noch einmal nach und verstehen am Ende vielleicht, dass hier ungesagt ein kultureller Kontext berührt wird, in dem das Haiku eine besondere Wirkung entfaltet.

Ist diese Einstellung gegenüber einem Text nur bei Bashō & Co. geboten, oder sollte sie nicht bei jeder (Haiku-) Lektüre angebracht sein?

Das Haiku vollendet sich erst im Leser. So lautet eine der Kernwahrheiten der Haikuwelt. Damit ist der Leser – ähnlich wie zuvor der Autor – gefragt, ob er denn schon alles gehört hat.

Natürlich ist das in einer Zeit, in der die schnelle Verarbeitung von wachsenden Informationsströmen als Ziel und Norm gilt, eine ziemliche Zumutung. Da muss erst einmal vorsortiert und gefiltert werden, um das Wichtige und Bedeutende überhaupt erfassen zu können. Und wenn nicht gerade „Bashō“ draufsteht, werden solche scheinbar banalen Texte dabei sehr schnell aussortiert.

Dem scheinen viele Autoren mit ihren Texten entgegentreten zu wollen. Es darf unter diesen Kommunikationsbedingungen nicht der Anschein entstehen, dass schon alles gesagt ist. Dem entspricht eine reaktive Tendenz, auf den ersten Blick rätselhaft und geheimnisvoll anmutende Haikus zu präsentieren, bei denen dem Leser geradezu suggeriert wird, dass da noch etwas Bedeutsames mitschwingt, das er nun zu entschlüsseln habe. Gelingt ihm das, dann kann er sich in seiner eigenen Haikukompetenz bestätigt fühlen, was ihn dann auch geneigter machen dürfte, dem Text das gewisse Etwas zuzuerkennen, das es zu einem Haiku macht.

Gerät dabei aber nicht eine wichtige Maxime des Haikuschreibens in Gefahr?

Jack Kerouac hat sie 1959 so formuliert:

Above all, a Haiku must be very simple and free of all poetic trickery and make a little picture and yet be as airy and graceful as a Vivaldi Pastorella.

Zum Schluss und als Zusammenfassung noch einmal die doppelte Frage:

Sollten wir uns als Autoren nicht wieder stärker auf die klare Schlichtheit der ursprünglichen Haikukunst besinnen, statt zunehmend geheimnisvolle Kunstwerke zu fabrizieren?

Und sollten wir uns als Haikuleser nicht wieder stärker auf das geduldige Hinhören besinnen und gegebenenfalls auch einmal zurückfragen, statt zunehmend schnelle Urteile zu fällen?

Es kann ja sein, dass dort, wo schon alles gesagt scheint, noch nicht alles gehört wurde.

1. Freitagsfrage: Leidet der Haikuprozess an Selbstbezüglichkeit?

Wenn in einer Haikucommunity ein Kurztext veröffentlicht wird, gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit diesem Text umzugehen:
1. Man kann ihn auf sich wirken lassen, ihn „ausreden“ lassen und ihm dabei Zeit und Raum gewähren, sich zu entfalten.
2. Man kann sich ihm auch mit der Frage nähern, ob das überhaupt ein richtiges Haiku ist.

Auch wenn sich in der Praxis beide Ansätze durchdringen, wird doch die eine oder die andere Weise des Umgangs mit dem Text bald in den Vordergrund treten.

Zwar herrscht weithin darüber Einigkeit, dass es eine letztgültige Definition dessen, was ein Haiku eigentlich ist, nicht gibt und nicht geben kann – weil es sich dabei um einen Entfaltungsprozess und um ein Kommunikationsgeschehen handelt. Ein zentrales Merkmal des Haiku als Text ist ja gerade, dass es offen und der Text selbst eben noch nicht „alles“ – noch nicht das Haiku – ist.
Doch hat wohl jede und jeder trotzdem mehr oder weniger feste Vorstellungen davon, was ein Haiku ist und was nicht.

Werden nun diese – wie beim zweiten Annäherungsversuch – auf einen neuen Text übertragen, dient das der Orientierung des Lesers und seinem verständlichen Bedürfnis, seine eigene Haikuwelt in Ordnung zu halten.
Aber was geschieht dabei eigentlich?
Mir scheint, es geschieht dabei etwas sehr Ähnliches wie es  früher in den Kirchen üblich war: Neue Phänomene, werden primär nicht als neue Phänomene wahrgenommen und beobachtet, sondern von den angestammten und herrschenden Dogmen her betrachtet und bewertet. Und dann kann natürlich nicht wahr und nicht Haiku sein, was nicht wahr und nicht Haiku sein darf.
Diese Einstellung hat den Kirchen und der ganzen Gesellschaft über lange Zeit geschadet, bis sie angefangen haben, ihre eigenen Grundsätze zu relativieren.

Kann es sein, dass wir als Haikugemeinschaft einen ähnlichen Prozess durchlaufen?
Leiden das Haiku und der Kommunikationsprozess des offenen Haiku-Geschehens an einem Zuviel an Selbstbezüglichkeit?   

Wem gehört das Haiku?

In den Haikuforen kann man zwei unterschiedlichen Aussagen, begegnen, die sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen:

Das Haiku gehört dem Leser.
und – an den Autor gerichtet – Es ist dein Haiku.

Hier stoßen zwei Merkmale aufeinander, die wie zwei Seiten einer Medaille die Besonderheit des Haiku als kommunikatives Ereignis widerspiegeln.

Auf der einen Seite stehen selbstverständlich das Recht des Autors, sein Haiku so zu gestalten, wie er möchte, und damit verbunden das Urheberrecht, es zu publizieren.

Auf der anderen Seite aber steht das Recht des Lesers, das Haiku auf seine Weise zu verstehen und zu deuten. Es kann sein, dass er dabei ganz andere Wege geht als der Autor und zu völlig anderen Schlüssen kommt. Diese können sogar weitreichender und tiefsinniger sein, als von Autor ursprünglich gedacht und beabsichtigt.

So wie dem Autor niemand vorschreiben kann, wie er sein Haiku zu formulieren hat,
so kann auch niemand – auch der Autor nicht – gegenüber dem Leser entscheiden, ob dieser das Haiku „richtig“ oder „falsch“ interpretiert.

Entscheidend ist allein,
wie viele Leser sich in welcher Weise auf den Text eines Autors einlassen
und wie viele die Interpretation eines Lesers in welcher Weise aufnehmen.

Es gibt nicht“ richtig“ und „falsch“.
Es gibt nur Schreiben und Verstehen.
Erst im Schreiben U N D Verstehen ereignet sich das Haiku.

Zehn Hinweise zum Haikuschreiben

Haiku schreiben ist eine  Sprachkunst, die man lernen kann. Die zehn folgenden Hinweise sollen eine Orientierung geben.

Sie dürfen diskutiert, erweitert und in Frage gestellt werden.

Ein Haiku soll sein

  1. ganz einfach in der Sprache
  2. nur aufzeigend, was ist und geschieht
  3. ohne die eigene Meinung dazu
  4. ohne Verallgemeinerungen
  5. ohne Wertungen
  6. ohne Belehrungen
  7. unfertig wie eine Skizze
  8. einladend zum Selberschauen
  9. anregend zu neuen Vorstellungen
  10. fruchtbar für gute Gespräche