Doppeldeutigkeit

Ein Ausdrucksmittel ist das Spiel mit mehreren Bedeutungsebenen. Unsere Sprache bietet viele Möglichkeiten, neben der direkten Aussage im Vordergrund noch eine hintergründige Bedeutung anklingen zu lassen, die mehr oder weniger verdeckt oder offen auf etwas anderes hinweist.

Da es beim Haiku wesentlich darauf ankommt, dass der Leser in den Prozess einbezogen wird, bietet das Mittel der Doppeldeutigkeit eine gute Gelegenheit, ihm etwas zu verstehen zu geben.

Es ist eine Frage des Geschmacks, wie das gestaltet wird – mit Witz und Raffinesse oder mit der Faust auf’s Auge. Die Kunst besteht darin, weder zu plump und direkt zu sein, noch zu kryptisch zu bleiben.
Dabei spielt auch der Adressatenkreis eine wichtige Rolle:
Je vertrauter die Kommunikationspartner mit dem Thema und miteinander sind, desto subtiler und raffinierter kann auch das Spiel mit den Bedeutungen sein.
Wer dagegen die breite Masse gewinnen will, muss anderen Maßstäben folgen. Dann stellt sich die Frage, wie vulgär (lat. vulgo = Masse) es werden soll.

Juxtaposition

Die Juxtaposition (lat. für Nebeneinanderstellung) ist ein wichtiges Strukturmerkmal vieler Haiku. Dabei werden zwei an sich getrennte Erscheinungen in einen Zusammenhang gebracht, der sich oft nicht sofort erschließt und dessen Entdeckung den besonderen Reiz des Haikus ausmacht.

Ein Beispiel von Yamaguchi Seishi:

summer grass:
the wheels of a locomotive
come to a stop

Ist das nur ein besonders raffiniertes literarisches Mittel?
Oder kommt darin zugleich etwas vom tieferen Wesen des Haiku und seiner Weltsicht zum Ausdruck?
Etwa die Erfahrung und Einsicht, dass wir es nicht mit isolierten Objekten zu tun haben, sondern alles mit allem in einem dynamischen Wechselspiel verbunden ist?
Und spiegelt sich darin vielleicht sogar die kommunikative Grundstruktur des Haiku wider, das als bewegtes Wort vom Autor zu seinen Hörern läuft, um erst in ihnen als ein Ganzes zu seiner Vollendung zu kommen?