2. Freitagsfrage: schon alles gehört?

Manchmal wird auf ein Haiku mit: Da ist schon alles gesagt! geantwortet.

Das ist ein K.o.-Kriterium für ein Haiku.

Bei einem Haiku darf nicht alles gesagt sein. Es muss noch etwas für den Leser zu entdecken bleiben.

Aber wer kann sagen und darüber urteilen, ob und wann mit dem Gesagten schon alles gesagt ist?

Nehmen wir wieder einmal Bashōs berühmtes Frosch-Haiku: Ein Frosch springt in den Teich und erzeugt dabei im Wasser ein Geräusch.
Ist damit nicht schon alles gesagt?

In diesem Falle wird das wohl niemand zu behaupten wagen. Bei einem so unumstrittenen Haiku-Meister fiele das Urteil sofort auf den zurück, der es gesprochen hat.

Also halten wir uns mit einem Urteil zurück, hören noch einmal genauer hin, lassen es länger auf uns wirken, fragen oder lesen notfalls sogar noch einmal nach und verstehen am Ende vielleicht, dass hier ungesagt ein kultureller Kontext berührt wird, in dem das Haiku eine besondere Wirkung entfaltet.

Ist diese Einstellung gegenüber einem Text nur bei Bashō & Co. geboten, oder sollte sie nicht bei jeder (Haiku-) Lektüre angebracht sein?

Das Haiku vollendet sich erst im Leser. So lautet eine der Kernwahrheiten der Haikuwelt. Damit ist der Leser – ähnlich wie zuvor der Autor – gefragt, ob er denn schon alles gehört hat.

Natürlich ist das in einer Zeit, in der die schnelle Verarbeitung von wachsenden Informationsströmen als Ziel und Norm gilt, eine ziemliche Zumutung. Da muss erst einmal vorsortiert und gefiltert werden, um das Wichtige und Bedeutende überhaupt erfassen zu können. Und wenn nicht gerade „Bashō“ draufsteht, werden solche scheinbar banalen Texte dabei sehr schnell aussortiert.

Dem scheinen viele Autoren mit ihren Texten entgegentreten zu wollen. Es darf unter diesen Kommunikationsbedingungen nicht der Anschein entstehen, dass schon alles gesagt ist. Dem entspricht eine reaktive Tendenz, auf den ersten Blick rätselhaft und geheimnisvoll anmutende Haikus zu präsentieren, bei denen dem Leser geradezu suggeriert wird, dass da noch etwas Bedeutsames mitschwingt, das er nun zu entschlüsseln habe. Gelingt ihm das, dann kann er sich in seiner eigenen Haikukompetenz bestätigt fühlen, was ihn dann auch geneigter machen dürfte, dem Text das gewisse Etwas zuzuerkennen, das es zu einem Haiku macht.

Gerät dabei aber nicht eine wichtige Maxime des Haikuschreibens in Gefahr?

Jack Kerouac hat sie 1959 so formuliert:

Above all, a Haiku must be very simple and free of all poetic trickery and make a little picture and yet be as airy and graceful as a Vivaldi Pastorella.

Zum Schluss und als Zusammenfassung noch einmal die doppelte Frage:

Sollten wir uns als Autoren nicht wieder stärker auf die klare Schlichtheit der ursprünglichen Haikukunst besinnen, statt zunehmend geheimnisvolle Kunstwerke zu fabrizieren?

Und sollten wir uns als Haikuleser nicht wieder stärker auf das geduldige Hinhören besinnen und gegebenenfalls auch einmal zurückfragen, statt zunehmend schnelle Urteile zu fällen?

Es kann ja sein, dass dort, wo schon alles gesagt scheint, noch nicht alles gehört wurde.