Wie ein Haiku sein soll

Above all, a Haiku must be very simple and free of all poetic trickery and make a little picture and yet be as airy and graceful as a Vivaldi Pastorella.

Jack Kerouac, 1959

Advertisements

Das Apronym im Titel – unfertige Gedanken zum Geist des Haiku

Haikuschreiben – so höre ich es immer wieder und empfinde es auch selbst – ist nicht nur einfach irgendein literarisches Hobby, sondern eine besondere Geistes- und Lebenshaltung, die das Leben verändert und bereichert.
Deshalb lohnt es sich, länger darüber nachzudenken.
Gibt es so etwas wie einen „Geist des Haiku“ – oder moderner formuliert: eine bestimmte Spiritualität und Ethik, die mit dem Haiku verbunden ist?
Diese Frage ist nicht neu und sehr facettenreich. Und natürlich lauern hier auch Gefahren. Ich sehe die Gefahr der Ideologisierung und Instrumentalisierung des Haiku auf der einen und die der Ignoranz und Verflachung auf der anderen Seite. Das ist Zündstoff für Diskussionen. Sollte das Thema deshalb besser pragmatisch ausgeklammert werden, oder besteht gerade deshalb an dieser Stelle ein Gesprächsbedarf?

Ich möchte hier nur ein paar skizzenartige, unfertige Gedanken dazu einbringen, die ich mit dem Apronym H-A-I-K-U im Titelbild der Haikulupe verbinde:

Hörbereit zu sein, ist m.E. gleichsam das erste Gebot bei der Beschäftigung mit dem Haiku. Es geht um Worte, durch die sich uns die Welt erschließt und die Begegnung mit dem Autor möglich wird. Im Hören und im Wahrnehmen können wir Neues empfangen, wenn wir das eigene Wollen und Wissen, das sich so schnell in den Vordergrund des aktiven Lebens drängt, für einige Zeit stillzustellen und zurückzuhalten vermögen.
Anonym zu bleiben ist eine wesentliche Grundlage für die Haikus und ihre Behandlung in der Haikulupe. Nicht die Person des Autors, sondern das Haiku als solches, das nach vielfach wiederholten Beteuerungen in der Haikuwelt, dem Leser gehört und erst in ihm zur Vollendung kommt, steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Innovativ sollen Haikus sein und die altvertraute Erfahrungswelt auf neue Weise sehen lehren. Das setzt den Mut voraus, sich ganz der Begegnung, in der die Welt zu uns heute zu sprechen beginnt, zu überlassen und sich damit auch dem Unverständnis derer auszusetzen, die sie nur durch die alten Brillen der Gewohnheit sehen wollen.
Kritisch ist dabei unter die Lupe zu nehmen, was neu zur Sprache gebracht wird. Ist es wirklich stimmig und horizonterweiternd, oder ist es nur ein modisch inszeniertes Funkeln, das sich an den Mustern gefälliger Vorbilder orientiert?
Umgänglich sind die echten Haijin – ein Kreis von Freunden, die miteinander unterwegs sind und erst im aufmerksamen wechselseitigen Zuhören jenen großen Resonanzraum bilden können, in dem die Worte ihre volle Kraft entfalten.

Es sollte deutlich sein, dass diese Merkmale sich gegenseitig stützen und Teil einer Geisteshaltung sind, nach der im Sinne des Haiku immer wieder neu zu fragen ist.