52.KW 2016

52-kw-2016

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Der Haiku-Kalender

Ab 18.12.2016 veröffentliche ich das aktuelle Wochenblatt des neuen Haiku-Kalenders im Lesesaal der Haikulupe. Es wird künftig immer sonntags 7.00 Uhr erscheinen.

Natürlich darf  und soll es auch kommentiert werden. Beim ersten Kommentieren ist eine Freischaltung durch mich nötig, danach geht es ohne.

Ich danke allen, die am Haiku-Kalender für 2017 mitgewirkt haben, und hoffe, dass viele Haikufreundinnen und Haikufreunde beim Betrachten und Besprechen Freude haben und neue Inspirationen finden.

Weiterhin können auch Haiku der Woche an verbiscum@gmail.com eingesandt werden.
Diese werden immer montags 18.00 Uhr anonym zur Diskussion gestellt. Näheres dazu findet sich hier.

Ich wünsche allen Besuchern dieser Seite ein frohes Weihnachtsfest und ein gesegnetes Jahr 2017.

Heinz Schneemann

Eine Haiku-Kalendergeschichte

Im großen Reich der Worte herrschte Krisenstimmung.
Verbalinflation! Glaubwürdigkeitsverlust! Aufmerksamkeitsdefizit! Diese Stichworte drängten sich mit spitzen Stacheln zwischen alle anderen Worte und veranlassten diese, eine außerordentliche Vollversammlung einzuberufen.
In der ersten Reihe hatten die wortführenden Schwergewichte Platz genommen. Erwartungsgemäß ergriff der Zeitungsartikel als erster das Wort: Wir erleben gegenwärtig eine Zuspitzung der Modernisierung und Globalisierung von bisher ungeahnten Ausmaßen. Sie betrifft uns alle und…
Sehr richtig, beeilte sich die Hochschulschrift einzuwerfen. Sie befürchtete sofort, der geschwätzige Kollege könnte alle mit seinen endlosen Worthülsen zuschütten, wenn man ihm nicht möglichst rasch Einhalt gebieten würde. Sehr richtig! Was wir erleben, ist ein kommunikativer Kollaps, bei dem das Medium zunehmend den Inhalt ersetzt.
Der Roman stöhnte auf. Inhalte gibt es mehr als genug, nur die Aufmerksamkeit der Leser wird immer knapper.
Weil ihr euch nicht kurz fassen könnt, warf jetzt die Schlagzeile ein, die damit wieder einmal alle gegen sich aufbrachte.
Effekthascherin! Verdummungsinstrument! Profitmaschine! Die Worte überschlugen sich und schienen nicht mehr zur Ruhe kommen zu wollen.
Die Stille. Mitten in dem ansteigenden Lärm hörten plötzlich alle, wie eine leise Stimme aus den hinteren Reihen: Die Stille sagte. Und alle wunderten sich darüber. Die Eilmeldung fasste sich als erste und fragte sofort nach: Wer bist du?
Ich bin das Haiku.
Das H a i was?
Das Haiku ist ein Kurzgedicht und kommt aus Japan, erklärte das Lexikon.
Aber wie kommt es, dass wir dich trotz dieses großen Lärms alle gehört haben? Dabei hast du doch gar nicht laut gesprochen, fragten jetzt einige zur gleichen Zeit. Und was meinst du mit: Die Stille?
Inzwischen war es tatsächlich etwas stiller geworden.
Ich rede anders als ihr, begann das Haiku. Ich versuche nicht, so viel wie möglich zu sagen. Ich sage so wenig wie möglich.
W a s ?
 
Ja, ich selbst sage so wenig wie möglich und gebe euch die Stille. Das ist es, was ihr gehört habt. In dieser Stille seid ihr nämlich ganz bei euch selbst und werdet wieder aufmerksam.
Jetzt waren die anderen verblüfft, und die Stille hielt noch eine Weile an. 
Da machen wir uns Gedanken, wie wir mit dem Verlust der Aufmerksamkeit umgehen können
, sagte schließlich die Hochschulschrift, und dann kommt dieses Kurzgedicht aus Japan und gibt uns plötzlich eine Antwort, indem es fast nichts sagt. 
Das ist fantastisch
, wagte sich die Schlagzeile wieder nach vorn. 
Da müssen wir etwas daraus machen!
Jetzt sah der Zeitungsartikel seine Stunde gekommen. Am besten machen wir mit dir eine große Aktion, einen Wettbewerb, einen weltweit ausgerufenen Contest, bei dem möglichst viele mitmachen sollen. Dann kriegen wir endlich die Aufmerksamkeit zurück, die wir in der letzten Zeit verloren haben.
Das Haiku ließ sich von der wachsenden Euphorie nicht mitreißen. Es schüttelte nur langsam seinen Kopf und sagte leise: Nein, so wird das nichts
Wieso nicht?
fragte der Roman. 
Weil ihr mir dann die Stille nehmen würdet. Ich würde so werden wie ihr, versteht ihr? So eingespannt. So getrieben. So erfolgsbesessen.

Was willst du dann? fragte das Lexikon.
Und die Hochschulschrift fügte hinzu: Wenn du dich nur in deinen eigenen Elfenbeinturm zurückziehst, dann verweigerst du dich der Zeit.
Nein, entgegnete das Haiku. Ich verweigere mich keineswegs der Zeit. Im Gegenteil. Ich beteilige mich an einem Kalender.
Ein Kalender?
Ja, meine Zeit kommt mit dem Kalender. Einmal in der Woche, über alle Jahreszeiten. Da zeige ich den Menschen, was gerade um sie herum geschieht und gebe ihnen dazu die Stille. Das ist es, was sie brauchen. So können sie die Zeit wiederfinden und die Aufmerksamkeit.
Jetzt war es ganz still geworden.
Das muss ich erst einmal verdauen, murmelte der Roman leise.

(Heinz Schneemann)

 

 

 

 

5. Freitagsfrage: Kurz und gut oder kurz und klein?

In der Kürze liegt die Würze, sagt eine beliebte Redewendung, die wir gern verwenden, wenn jemand zu weit ausholt und nicht zum Ende zu kommen scheint.

Und beim Haiku, das ja auch als Kurzgedicht bezeichnet wird, spielt die Kürze eine ganz besondere Rolle. So wird in der Diskussion von Texten, bei denen es um die Frage geht, ob das ein (gutes) Haiku ist, häufig der Hinweis gegeben, dass in dem einen Begriff der andere doch schon enthalten sei und folglich gestrichen oder durch etwas anderes ersetzt werden könnte und besser auch sollte.

Nehmen wir am besten einfach mal ein Beispiel. Da schrieb doch Basho allen Ernstes:

Der alte Teich.
Ein Frosch springt hinein –
das Geräusch des Wassers.

Dabei hätte er doch  auf das Wasser verzichten können, denn woraus besteht ein Teich?
Genau! Aber nein: Er kürzt hier nicht, sondern mutet uns zu, diese Doppelung zu ertragen. Ob das ein (gutes) Haiku ist?

Natürlich habe ich hier arg zugespitzt formuliert. Doch manchmal kann das – wenn der Ärger über eine solche Unverschämtheit abgeklungen ist – auch zum Nachdenken anregen. Und darum geht es mir hier. Ich möchte von einem rein mechanischen Gebrauch von Grundsätzen, Regeln oder Leitlinien für das Haiku abraten. Mechanisch wird ein Gebrauch dann, wenn diese Grundsätze etc. zu einer generellen Norm erhoben werden und ohne das Bemühen, den einzelnen Text erst einmal so, wie er geschrieben wurde, zu verstehen, wie ein Richtmaß angewendet werden. Würden wir so verfahren, bekäme Basho sein Wasser wohl gestrichen.

Doch seien wir positiv! Worüber es  nachzudenken gilt, sind die Fragen:
Wann sollte auf Doppelungen besser verzichtet werden?
Wann erzeugen sie eine Redundanz, die als Gewinn für das Haiku zu betrachten ist?
Worin könnte ein solcher Gewinn bestehen?